Mein erster Tag bei Tengelmann: Teil 2

Während Sandy neben mir an das Kasse saß fühlte ich mich zunehmend sicherer. Der Ablauf schien klar, dass mit der Wechselgeld hatte ich geschnallt und solange keiner von mir forderte Bio Chinakohl von Chicoree zu unterscheiden, war ich Herr der Lage. Als ich gerade Ware über den Scanner zog, fühlte ich plötzlich hinter mir Bewegung. Ohne, dass ich wegschauen konnte (Dienstvorschrift: Augen auf die Ware und den Kunden), hatte sich Frau S hinter mich gestellt und zog mir gerade eine von den aestetisch höchst ansprechenden Tengelmann Krawatten über den Kopf. Das mein obersten Hemdknöpfe offen waren spielte dabei keine Rolle. Etwas irritiert drehte ich mich nach dem Abkassieren zu ihr um. Bevor ich fragen konnte, flüsterte sie mir zu, dass der große Chef da sei. Auf meine Rückfrage, zeigte sie mit dem Finger auf einen jugendlich anmutenden Anzugträger, der sich wie ein Fremdkörper durch unseren Supermarkt bewergte.

Der Bezirksleiter

Der ist hier Bezirksleiter. 12 Filialen würden von ihm gesteuert und ihm sei schon aufgefallen, dass ich weder eine Tengelmann Krawatte an habe, noch eine schwarze Hose, die Pflicht sei. Ein bis zwei mal die Woche, manchmal auch öfters käme er in unserer Filiale vorbei überprüfe alles auf seine Ordnung wurde mir erklärt. Die Situation entspannte sich erst wieder deutlich, als er den Laden verlassen hatte. Anzugträger mag hier keiner. Ich schon gar nicht.

Am Ende meiner fünfstündigen Schicht stellt sich Herr E in meine Schlange und wartete bis er vorne bei mir war. Herr E ist etwa so alt wie ich, und spricht ausgesprochen gutes Deutsch für einen Bürger mit Migrationshintergrund und hat einen altmodisch biblischen Vornamen. Er hat im Discount-Geschäft seine Ausbildung gemacht und trägt auch im Dienst eine schwarze Röhrenjeans und Sneakers. Würde ich ihm an einem Samstag Abend in der Kultfabrik begegnen, würde er wahrscheinlich einen Arafatschal über seinem V-Schnitt T-Shirt tragen. Herr E ist am Nachmittag, wenn Herr L (der Chef) den Markt verlässt der Leiter. Er kommt mit dem wichtigen Schlüssel, den ich für eine Zeilen-Storno brauche und beendet meine Schicht.

Die Abrechnung

Sobald er den Schlüssel in die Kasse gesteckt und wieder abgezogen hat, sammel ich meine ganzen Kladderadatsch ein und gehe mit meinem geöffneten Schub in das Kassenbüro. Dort werde ich abgerechnet. Beim abrechnen gibt es eine unglaublich aufregende Maschine, die meiner Briefwaage ähnelt. Diese Maschine erledigt jede Denkarbeit für mich. Sie fordert mich bloß auf sequentiell die "Cups" aus meinem "Schub" auf die Waage zu stellen. Erst 0,01 €, dann 0,02 €, dann 0,05 € und so weiter. Sobald die Cups durch sind, kommen die Scheine, die ich einfach als Stapel auf die Waage lege. Kurz darauf sagt die Waage mir, wie viel Geld in meinem Schub drin ist. Faszinierend.

Dieser Bestand wir dann unter Verrechnung von Gastro Schecks, Lastschriftbelegen und Pfandgut mit dem Soll Bestand der Kasse (der aus dem Computer ausgelesen wird) verrechnet. Ist weniger in der Kasse als es sein sollte, wird die Differenz von meinem Gehalt abgezogen. Zum Glück habe ich mir gleich am ersten Tag einen positiven Puffer von mehreren Euros angelegt. Auf meine erheiterte Frage, wie lange mein Guthaben denn gültig wäre oder wann mir das ausgezahlt wird, antwortete Herr E: "Welches Guthaben denn?". Gut zu wissen.

Die Zigarette danach

Nach meinem Einführungstag musste ich erstmal zwei Aspirin schlucken. Ich glaube ich habe noch nie so häufig "einen schönen Tag noch" gewünscht. Das lange Sitzen war ich schon von meiner akademischen Arbeit gewohnt, aber das permanente "Beep" hat schon eine leicht irritierende Tendenz. Als ich meine Zimmertür schloß, um mich kurz aufs Ohr zu legen, wartete ich auf ein "Beep" um mir zu bestätigen, dass sie auch zu ist. Ein Langzeitschaden? Ich hoffe nicht.

Besonders ist, dass der geschulte Kassierer ja zwei "Beep" unterscheiden kann, die der einfache Kunde gar nicht bemerkt. Das erste "Beep" ist ein Zeichen dafür, dass die Diebstahlsicherung bei Alkoholika, Zigaretten und, offenbar nach einem Zufallsprinzip verteilten, Kleinzeug deaktiviert wurde. Das zweite "Beep" kennzeichnet die Erfassung des Produkts durch den Barcode Scanner unter der Waage. Das musste ich auch erstmal lernen durch eine Kundin, die unberechtigt von unserer Alarmanlage als Diebin identifiziert wurde, weil mir entgangen war, dass es zwei verschiedene "Beep" gibt.

KOLLEGE wird groß geschrieben

Von meinem kurzen Nickerchen wieder aufgewacht kam ich zu dem Ergebnis, dass mir die kollegiale Atmosphäre sehr gut gefällt. Meine Kolleginnen und Kollegen haben sich größte Mühe gegeben auch ein Auge auf meine Kasse zu halten, dass mir bloß nichts entgeht und fleißig PLUs, auch ohne Anfrage, geliefert. Das ist ein Ergebnis was mich selbst etwas überrascht, da ich damit gerechnet hatte, dass in diesem Bereich ein intensiver Wettbewerbsdruck herrscht, dem ist aber überhaupt nicht so. Das habe ich auch eindrücklich an meinem zweiten Tag gelernt. Ehemaliger Tengelmänner und -frauen hängen gerne an der Kasse herum, wenn sie in der Gegend sind, plaudern mit den Kollegen und liefern im Notfall auch noch mal eine PLU.

Am zweiten Tag meiner Karriere bei Tengelmann wurde ich auch hoch gelobt. Ich würde meine Kasse schon sehr sicher bedienen, das wäre nicht bei jedem so. Maria, die ihre eigene Kundschaft hat, welche vornehmlich aus den Rentnern besteht die Alkohol kaufen und plaudern wollen, während sie in der Vormittagsruhephase einkaufen, überhäufte mich der Art mit Lob, dass ich fast in Erwägung gezogen habe, mein Studium zu schmeißen und ganz dort einzusteigen. Die Kasse ist offenbar mein wahres Talent..... Zudem habe ich erfahren, dass feste Mitarbeiter etwa 200 € mehr im Monat verdienen, dass ist doch langfristig ein lukratives Angebot! Nur studieren können meine Kinder wahrscheinlich nicht von meinem Lohn. Ach ja, und Ferien sind eigentlich auch nicht wirklich drin.

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Krise unserer Zeit

Am Sonntag hörte ich eine Predigt, die mir sofort als sinnvoll und ausführungswürdig erscheint. Wir erleben gerade eine Zeit der Veränderung und der Krise. Es ist aber anders als viele Denken, nicht eine Krise des Finanzmarktes, oder der Staaten, des Systems oder des Glaubens. Es ist eine Krise des Vertrauens.

Sie fand ihren Anfang im Finanzmarkt, der sehr anfällg ist und extrem schnell reagiert. Durch die niedrigen Zinsen und die hohe Arbeitsteilung auf dem Kreditmarkt, zum Teil auch auf Grund des politischen Drucks, wurden Kredite für Eigenheime an Schuldner mäßiger bis schlechter Bonität vergeben. Mit Köderzinssätzen ausgestattet, die progressiv steigen, wurden Kredite vergeben und weiterverkauft. Haufenweise kauften Investoren weltweit diese scheinbar sicheren Pakete. Sowie die ersten anfingen auszufallen, verloren viele Investoren das Vertrauen in die Produkte. Die Kaufbereitschaft für Kreditpakete sank schnell, obwohl vielerorts die Zahlungsfähigkeit noch bestand. Dies führte zu einem Preisverfall, der denn Zusammenbruch verschiedener, großer Marktteilnehmer nach sich zog, weil die Werthaftigkeit ihrer Aktivposten flötten ging. Dieser Preisverfall war teils überhaupt nicht begründet. Es ist eine Krise des Vertrauens.

Weiter ging es mit einer Krise der Staaten. Bisher galten Staaten eigentlich als ultimativ sicher. Der Zins einer Bundesanleihe wird als risikofreier Zins gehandelt, weil der Staat nicht Pleite geht. Jetzt erleben wir mit Griechenland (107% des BIP)  eine Situation, in der die Mehrheit des Publikums nicht mehr an den Staat glaubt. Das dies eine reine Vertraunsgeschichte ist, zeigt sich daran, dass andere Länder wie Japan eine viel höhere Verschuldung (185% des BIP) aufweisen und trotzdem nicht als Bankrott gehandelt werden. Dies ist einzig und allein darauf zurückzuführen, dass Schuldscheine von Japan immer noch gekauft werden, wohingegen kein Investor griechische haben möchte. Es ist eine Krise des Vertrauens.

Der Missbrauchsskandal an vielen Schulen wird inzwischen aufgeweitet auf die gesamte Kirche. Können wir unserer Kirche vertrauen? Dürfen wir Priestern Kinder anvertrauen? Jahrtausende haben sie sich um uns gekümmert, jetzt wird das plötzlich in Frage gestellt. In anderen Missbrauchsfällen, zum Beispiel an staatlichen Schulen, wurde der Staat deshalb nicht in Frage gestellt, hier wird der Träger der Organisation allerdings doch in Frage gestetllt. Eine Krise des Vertrauens.

Datenschutz ist letztlich ein Thema des Vertraunes. Die Zeit schreibt über den Cyberkrieg zwischen den USA und China. Woher kommt dieser? Können wir mit unseren Daten dem Internet überhaupt trauen? Es ist eine Krise des Vertrauens.

Auf der nächsten Ebene haben wir eine Krise des Vertrauens in uns selbst. Hier kann jeder natürlich nur für sich selbst sprechen. Bei mir ist es in diesem vergangenen Jahr sehr so gewesen, dass ich auf Grund einiger Fehlleistungen mich fragen musste, ob ich mir selbst noch vertraue oder nicht. Kann ich das? Es ist eben eine Krise des Vertrauens.

In einer Unterhaltung sagte neulich jemand zu mir, diese Krise des Vertraunes findet ihren Ursprung in der Individualisierung. Erst seit jeder fuer sich verantwortlich ist und man auf persoenlicher Ebene entscheiden kann, wuesste man nicht mehr wem man glauben soll. Die Vielfalt ist einfach viel zu gross. Vor der Aufklaerung habe man solche Probleme, die ihren Ursprung in der Freiheit finden, nicht gehabt. Da war man eben eine Familie, glaubte an die Kirche, die Politik machte der Kaiser und damit hatte sich das Problem erledigt. Man musste sich nicht entscheiden. Das ist sicherlich richtig, aber sollen wir deshalb zu einem Pre-Aufklaerungszustand zurueck kehren?

Meines Erachtens muessen wir uns entscheiden was wir wollen, und warum wir das wollen. Erst dann koennen wir ausmachen, wem und wie weit wir vertrauen. Letztlich gruendet vertrauen darauf, dass man die Ziele des anderen kennt und seine vergangenen Handlungen diese unterstreichen. Wir haben das Gefuehl jemanden vertrauen zu koennen, wenn wir viel ueber ihn Wissen. Aber letztlich gibt es doch ueberhaupt keinen Grund dafuer. Nur weil meine Freundin mich gestern nicht betrogen hat, ist das doch kein Grund warum sie mich morgen nicht betruegen wird. Dennoch wird so gehandelt.

Der Kreditnehmer hat gestern seine Rate gezahlt, deshalb wird er auch morgen zahlen. Staaten gehen sowieso nicht Pleite, und die Priester in Deutschland haben schon Millionen von Kindern nicht missbraucht, warum sollten Sie es morgen tun? Trotdem passiert es.

Was bedeutet Vertrauen? Das ist die Krise unserer Zeit.

Mr. No-Mercy Letzter Teil

Es herrschte allgemeine Überraschung, dass Yannick am Morgen der Verhandlung überhaupt auftauchte, denn eigentlich erscheint er prinzipiell nicht zu vereinbarten Terminen. Allerdings hatte er sich vorher scheinbar Mut angetrunken: Mit heftiger Fahne schwankte er neben mir zur U-Bahn. Dort stießen wir auf einen bulligen Typen mit gerötetem Gesicht und unterlaufenen Augen. Ein Freund von Yannick, der ihm Beistand leisten wollte. Er hatte eine Sporttasche bei sich, die verdächtig klirrte. Auf mein Fragen hin stellte sich heraus, dass er darin den „Stoff“ bei sich trug, mit dem die beiden später auf die überstandene Verhandlung anstoßen wollten.

Im Gericht allerdings wurde dem Freund gesagt, er dürfe die Tasche nicht mit hinein nehmen. Unten abgeben wollte er das kostbare Gut nicht, weshalb er es vorzog, lieber draußen zu bleiben. Dieser Ort schien ihm ohnehin nicht sehr zu behagen.

„Mach dein Handy aus“, sagte ich, als wir vor dem Gerichtssaal auf den Beginn der Verhandlung warteten. Doch Yannick war abgelenkt und hörte nicht zu. Sein Ankläger, der geistig  Behinderte, war nämlich soeben gekommen und stand mit zehn Metern Sicherheitsabstand am anderen Ende des Flurs. Klein, dick und ungepflegt sah er aus und reckte den Kopf in unsere Richtung wie ein blinder Maulwurf, der das Umfeld seines Hügels kontrolliert. Yannick, der sich mir gegenüber immer  völlig  harmlos verhalten hatte, wirkte plötzlich sehr bedrohlich. Ich bekam schon Angst,  dass die Situation  eskalieren  könnte , als zum Glück Yannicks Betreuerin Mareike und seine Anwältin  erschienen, die vorher noch einen Termin miteinander gehabt hatten.

Die Verhandlung wurde eine absurde Veranstaltung. Immer wieder fielen  Yannick  die Augen zu - sein Bier-Frühstück tat seine Wirkung. Der Zeuge der Anklage sprang mehrmals auf und machte mit greller Stimme zusammenhangslose Kommentare, die seine Betreuerin vergeblich zu bremsen versuchte. Zwischendurch erwog man, die Verhandlung abzubrechen. Nur als Yannicks psychologisches Gutachten vorgelesen wurde, schien er zu erwachen. Sein Blick fokussierte sich, und er starrte die Gutachterin an. „Beide Elternteile des Angeklagten waren Alkoholiker. Herr N. ist suizidal veranlagt, sein Vater brachte sich um,  und Herr N., zu dem Zeitpunkt elf Jahre alt, fand ihn auf (...)“

Wie viele Andere bei W.I.L. hat Yannick demnach kaum eine Chance gehabt, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Das Lebensgefühl der Arbeitslosigkeit, das Elend und die Sucht hat er von seinen Eltern geerbt.

Als Richter und Staatsanwalt sich gerade zur Urteilsverkündung zurückgezogen hatten, klingelte Yannicks Handy. Sein Kumpane von unten war dran, der wissen wollte, wo sie sich zum Saufen treffen würden . In aller Ruhe wurden die Abmachungen getroffen.

Yannicks Urteil  lautete  schließlich: zwei Jahre ohne Bewährung. Dass er diese noch absitzen wird, ist zu bezweifeln. Sein Arzt und die Sozialarbeiter vermuten, dass er sich vorher vom Leben verabschiedet haben  wird.

Dass der Tod in dieser Szene eher emotionslos betrachtet wird, ist angesichts der vielen jährlichen Drogentoten nicht verwunderlich. Doch an dem emotionslosen Umgang mit dem Tod zeigte sich auch eine mangelnde Begeisterung für das Leben. Diese Gleichgültigkeit fand ich manchmal schwer zu ertragen.

Aber woher sollte Lebensfreude kommen, wenn es bei den Wenigsten einen sinnstiftenden Lebensinhalt gab. Bei manchen konnte man immerhin beobachten, dass sie auf der Suche nach einem solchen Inhalt waren.

Willi zum Beispiel. In der Anfangszeit meines Praktikums hatte Willi einen schlimmen Drogenabsturz gehabt, der ihn  fast das Leben gekostet hätte. Nachdem er sich wieder erholt hatte, hatte er offenbar beschlossen, von nun an etwas aus seinem Leben zu machen. Willi war auf die Idee gekommen, Tätowierer zu werden. Im Gefängnis, behauptete er, habe er sich einmal von einem Fachkundigen die nötigsten Grundlagen beibringen lassen, jetzt fehle nur noch ein bisschen Übung. Ein Blick auf seine Arme zeigte, dass er es schon an sich selber probiert hatte. Da das offensichtlich nicht besonders gut funktioniert hatte, suchte er nun Kunden, an denen er seine Fähigkeiten auffrischen wollte. Mir, sagte er, würde ein blutendes Herz über der Brust gut stehen. Das sah ich anders. Seine Pläne musste Willi schließlich aufgrund mangelnder Kundschaft wieder aufgeben.

Jule, eine andere Bewohnerin, war bei ihrer Suche nach sinnstiftendem Lebensinhalt erfolgreicher. Sie hat sich dem Aquarium im Bewohnercafé verschrieben. Ihre Aufgabe, die Fische einmal am Tag mit einer Schaufel Futter zu versorgen, nimmt sie, milde gesagt, durchaus ernst. Sie redet über nichts anderes und behauptet sogar, die Fische kämen an die Scheibe geschwommen, wenn sie den Raum betrete. Jedem Fisch hat sie einen Namen gegeben, verwechselt sie nur ständig.  "Arielle",   "Sponge Bob"  und  "Patrick"  sind leider die einzigen, die ich noch erinnere.

Einmal gab es Stromausfall, eine Sicherung war rausgeflogen. Jule saß im Café und erstarrte: Die Sauerstoffpumpe im Aquarium hatte aufgehört zu blubbern! Sie schrie auf und rannte hinaus. Ich dachte, sie würde in ihre Wohnung gehen und irgendetwas kaputt machen, wie sonst, wenn sie sich aufregte. Doch sie kam zurück - in der Hand die klebrige Düse des Staubsaugers. Jule stürzte zum Aquarium und begann, die Düse an ihren Mund gepresst, die Fische zu beatmen. Sie keuchte und hustete, ließ sich aber von keinem der Betreuer bremsen und hörte erst wieder auf, als der Strom wieder ansprang. Von ihrer aufopferungsvollen Rettungsaktion der Fische redete sie noch lange. Jens, der Projektleiter,  äußerte die Sorge, ob Arielle, Sponge Bob, Patrick und Co wohl die nikotinhaltige Mundgeruchsladung und Alkoholfahne aus Jules Rachen überleben würden, aber es ging alles gut.

Obwohl mir mein Alltag bei W.I.L. rückblickend oft bizarr vorkommt, machte er mir großen Spaß. Irgendwann aber hatte ich einen Punkt erreicht, an dem meine Stimmung kippte. Es war nach einem Tag, an dem ich Erika, eine Alkoholikerin, in ihrer Wohnung aufgefunden hatte. Erika sitzt im Rollstuhl und hat häufig sehr depressive Phasen. Vor ihrem Selbsthass, den man bei ihr recht deutlich wahrnimmt, flüchtet sie sich in Selbstmitleid,  und dieses Selbstmitleid versucht sie mit Alkohol zu betäuben. Häufig fühlt sie sich als Opfer und macht ihre Mitmenschen zu Tätern, zu Schuldigen an ihrem Elend.

Erika hatte schon eine Weile nichts von sich hören lassen, weshalb ich mit Mathias, einem Sozialarbeiter, schließlich zu ihr in die Wohnung ging. Sie war aus ihrem Rollstuhl gefallen und lag in Unterwäsche in ihrem eigenen Urin, nur halb bei Bewusstsein. Als sie uns sah, fing sie an, vor sich hin zu heulen. Wir hievten sie zurück in den Rollstuhl, und ich bezog ihr Bett neu. Der Geruch in der Wohnung und der Anblick von Erika verfolgten mich sehr viel länger, als der von Hartmuts eitergetränkten Klamotten.

Nach diesem Tag begann eine Phase, in der ich genug von Allem hatte. Genug von dem Selbstmitleid und der fehlenden Eigenverantwortung, genug von den leeren Blicken, dem wirren Gerede und dem ständigen Beklagen. Zu allem Überfluss hatte ich mir von irgendeinem der Bewohner Flöhe eingefangen! Es reichte mir alles.

So kam es mir entgegen, dass ich mir einen Tag freinehmen konnte, um einen Job wahrzunehmen, der mir über meine Messeagentur vermittelt wurde. Einen Tag lang war ich Hostess auf der Hauptversammlung einer Aktiengesellschaft. Es war eine kleine Versammlung, knapp 40 Teilnehmer. Lauter gestutzte Schnurrbärte, dicke Bäuche und ordentliche Scheitelfrisuren. Brave Durchschnittsbürger.
Ich hoffe, ihnen viele meiner Flöhe abgegeben zu haben, denn was folgte,  war menschlich das absurdeste, was ich je erlebt habe. Die Kleinaktionäre waren, vorsichtig gesagt, unzufrieden mit dem Vorstand und machten das recht deutlich. In dem Raum, in dem die Versammlung stattfand, ballte sich in diesen 14 Stunden der ungezügelte Hass, der besonders von Herrn Klein und Herrn Freitag geschürt wurde. Die meiste Zeit verbrachten sie vorne stehend, Bier trinkend, Fäuste schleudernd und brüllend. Ich hatte eigentlich die Aufgabe, Wortzuteilungen zu machen, was sich als unmöglich herausstellte. Zwischendurch habe ich mitgeschrieben, was geäußert wurde : „Schwachmaten, Lügner, Betrüger, Schweine, Hampelmänner, gehen Sie nach Nordkorea, Sie Ahmadinedschad, oder besser ab ins Heim, ab ins Heim ,  Sie debiler Sack(...)“
Mikrofone wurden abgedreht, Teilnehmer aus dem Raum verwiesen, mit Polizei gedroht (von beiden Seiten) - es war das wahnsinnigste Verhalten, das ich je gesehen habe. Seit zwei Monaten verbrachte ich meine Tage mit Obdachlosen, Haftinsassen, Prostituierten und Kriminellen und habe dort nie so etwas erlebt, wie bei dieser Versammlung. Aber obwohl es mich nach Feierabend vor lauter Menschenekel schauderte, hatte dieser Tag doch den positiven Effekt, dass er mir bezüglich meiner „Asozialen“ bei W.I.L. ein Augenöffner war. Die kamen mir am nächsten Morgen alle höchst manierlich und anständig vor.
Obwohl jeder Tag dieser drei Monate spannend war und ich in einer Erlebnisdichte gelebt habe, die mir sicher fehlen wird, glaube ich nicht, später tatsächlich auf diesem  Gebiet  arbeiten zu können. Für die regelmäßigen Rückfälle und Abstürze hätte ich nicht genug Frustrationstoleranz.
„Jede Sucht hat eine Geschichte“, ist ein Grundsatz in der Drogentherapie. Meine Zeit in der Wohneinrichtung hat mir gezeigt, wie lohnend es ist, sich diesen Geschichten und Schicksalen zu öffnen.

Gastbeitrag: Mr. No-Mercy Teil 4

Nicht nur bei Ärzten, auch in Krankenhäusern und Psychiatrien war ich während dieser drei Monate häufig. Bei einem dieser Besuche hatte ich das wohl widerlichste Erlebnis meines Lebens. Es ging zu Hartmut, der wegen eines Abszesses operiert wurde. Abszesse bilden sich leicht, wenn beim Spritzen der Droge die Vene nicht richtig getroffen wird.

Hartmuts Abszess war an den Hals gewandert und hatte sich dort entzündet. Dort war er zu einer Blase in der Größe zweier Tennisbälle angeschwollen, gleichzeitig aber auch unter der Haut gewachsen, wie ein überdimensionaler Eiterpickel. Als Hartmut sich endlich dazu bringen ließ, damit ins Krankenhaus zu fahren, war es fast zu spät. Hartmut saß im Behandlungszimmer, war aber noch nicht angerührt worden, als sein Geschwulst platzte. Fast ein Liter Eitersuppe schoss anderthalb Meter weit aus ihm heraus und ergoss sich über ihn, seine Hose und Jacke, die Schuhe des Arztes und den Boden. Die Krankenschwester sei herausgestürmt, erzählte Hartmut.

Das alles musste ich mir, an seinem Bett stehend, wieder und wieder anhören. Entweder war Hartmut stolz auf sein Eitergeschoss, oder er musste das Erlebnis durch wiederholtes Erzählen verarbeiten. Der Bettnachbar schien die Geschichte auch schon das eine oder andere Mal gehört zu haben. Irgendwann hatte ich genug von den detaillierten Beschreibungen über Geruch und Substanz der Flüssigkeit und wollte gehen. Ob ich ihm noch etwas bringen könne, fragte ich Hartmut. Nein, aber was mitnehmen müsstest du, sagte er. Oh nein.

Er ging zu seinem Schrank, öffnete ihn, und heraus kam der übelste Geruch, der meiner Nase jemals zugemutet worden ist. Seine eitergetränkten Klamotten sollten zu W.I.L. gebracht und gewaschen werden! Ich musste mein Würgen unterdrücken, als ich versuchte, die Sachen in eine Plastiktüte zu packen. Sie gingen kaum  hinein, so hart und steif waren sie von dem eingetrockneten Eiter. Irgendwann gewöhnte sich meine Nase, und ich roch,  eingehüllt in eine Wolke aus Dämpfen, überhaupt nichts mehr. Allerdings die Menschen, die mit mir in der U-Bahn saßen. Danach wusste ich, wie man sich als Aussätziger fühlen muss. Einen sehr positiven Effekt hatte der platzende Eiterballon: Hartmut hatte sich den Abszess in Folge eines Drogenrückfalls zugezogen, nachdem er fast ein halbes Jahr lang clean gewesen ist. Nach dieser Geschichte, schwor er mir, würde er den Drogen endgültig fernbleiben. Leider sind diese Versprechen meist schnell vergessen, aber bis zum Ende meines Praktikums hat er jedenfalls durchgehalten.

Der Kampf gegen die Sucht dauere ein Leben lang, erzählte Hartwig mir. Auch wenn man jahrelang clean war, genüge ein schwacher Moment, und man stecke wieder im Drogensumpf drin. Clean zu sein bedeutet nicht, von der Sucht kuriert zu sein.

Zu meinem Alltag bei W.I.L. gehörten nicht nur Arzt- und Krankenhausbesuche, sondern auch die Begleitung zu Gerichtsverhandlungen. Nicht alle waren besonders aufregend, meistens ging es um Diebstähle und Schwarzfahren. Eine Verhandlung aber ist mir stark in Erinnerung geblieben. Ich begleitete Yannick zum Gericht. Yannick ist Anfang 20, kaum älter als ich, aber wird wohl nicht mehr lange leben. Entweder wird er sich selber umbringen, was er während meines Praktikums zweimal  nacheinander probierte, oder er stirbt an Leberversagen. Seine Hepatitis ist weit fortgeschritten, er steht kurz vor der Leberzirrhose,  und der Arzt gibt ihm nicht mal mehr ein  Vierteljahr. Sein Leberversagen beschleunigt Yannick massiv durch exzessiven Alkoholkonsum. Er trinkt zwei bis drei Flaschen Korn täglich, dazu maßlos Bier und führt sich Tag für Tag einen wilden Drogencocktail zu. Dieser Konsum kostet natürlich viel Geld   - Geld, das er sich über moralisch nicht ganz einwandfreie Wege beschafft.  Der  Hauptanklagepunkt der Verhandlung, zu der ich ihn begleitete, lautete  Erpressung. Über Monate  hinweg  hatte er täglich einen geistig behinderten Mann abgefangen und ihm Geld abgeknöpft und ihn sogar gezwungen, ihn eine Zeitlang bei sich wohnen zu lassen.

Teil 5 in 24 Stunden

Gastbeitrag: Mr. No-Mercy Teil 3

Zu meinen täglichen Aufgaben gehörte es, bestimmte Bewohner zum Substitutionsarzt zu begleiten, um zu kontrollieren, dass das Mittel abgeholt und genommen würde. Es ist oft vorgekommen, dass Urinproben von substituierten Klienten ergeben haben, dass das Mittel zwar wochenlang täglich abgeholt, aber nie genommen wurde. Methadon lässt sich nämlich zu guten Preisen am Kotti, dem Berliner Drogen-Mekka, an andere Junkies verkaufen. Bis vor kurzem gab es im Wedding sogar einen kriminellen Apotheker, der sämtlichen Junkies ihr Methadon abkaufte.

Neben den Gängen zu Substitutionsärzten müssen besonders Zahnarzttermine überwacht werden. Die Wenigsten haben nach langer Obdachlosigkeit und exzessivem Heroinkonsum noch echte Zähne. Die verstümmelten Reste zu entfernen und auf das meist entzündete Zahnfleisch ein Gebiss einsetzen zu lassen, muss recht unangenehm sein, weshalb zwanghaft versucht wird, um die Zahnarzttermine herumzukommen.

Die Termine selber waren eigentlich eher unspannend, ich bekam nur abstoßende Bilder von eiterndem Zahnfleisch und vergammelten Zahnstumpen zu sehen. Spannend aber war, mit den Bewohnern unterwegs zu sein.

Kai zum Beispiel, den ich oft begleitete, hat die Angewohnheit, Zigarettenstummel von der Straße aufzuheben und zu Ende zu rauchen. Außerdem wühlt er in jedem Mülleimer, den er passiert, um Zeitungen herauszuziehen. Ich mied es, mit ihm über Märkte zu gehen, weil er dort prinzipiell etwas unter seine Jacke gleiten lässt, und ich fürchtete, irgendwann gemeinsam geplanten Diebstahl vorgeworfen zu bekommen. Was er klaut, unterliegt keinem System. Einmal zog er, enttäuscht über seinen wahllosen Griff in die Auslage eines Marktstandes, künstliche Fingernägel unter seiner Jacke hervor und bot sie mir an. Bei Kai, der aussah wie ein Gespenst, ein ungewaschenes, übel riechendes Gespenst, hatte ich nicht erwartet, dass er besonders gebildet sein würde. Aber der Schein trügt   - Kai ist historisch und aktuell-politisch bestens informiert. Oft lasen wir zusammen den  Spiegel,   und er erklärte mir die Passagen, die ich nicht verstand.

Auch Melanie, eine 25jährige Bewohnerin, musste ich häufig zum Zahnarzt begleiten. Sie erzählt sehr offen,  und manchmal wünschte ich mir, sie würde damit aufhören. Wenn sie mir von ihrer Vergangenheit berichtete, schwankte ich zwischen Faszination und Fassungslosigkeit. Melanie ist häufig vergewaltigt worden und hatte früher heftige von LDS ausgelöste  Psychosen. Während dieser Zustände handelt Melanie auf Befehl von Stimmen, die ihr zuflüstern, eine wichtige Mission erfüllen zu müssen, um die Menschheit vor etwas Unbenennbarem zu retten. So ist sie nackt mit einer Axt durch Berlin gelaufen, hat Gräber verwüstet, sich vor ein Auto geworfen und noch viele ähnlich harte Erfahrungen gemacht.

Jetzt nimmt sie Medikamente gegen die Psychosen, die sie zwar davon abhalten, erneut die Menschheit retten zu wollen, dafür aber unangenehme Nebenwirkungen haben. Die Bewohner, die diese Medikamente nehmen, wirken oft abgestumpft und apathisch, scheinbar jeder Gefühlsregung beraubt. Jede Phantasie und Leidenschaft scheint ihnen genommen zu sein.

Wenn ich von einer Tour mit Melanie zurückkam, erkundigte ich mich meist erst mal bei ihrer Betreuerin, ob die Geschichten, die sie mir erzählte, wirklich stimmten - manches konnte ich einfach nicht glauben. Aber alles war tatsächlich so geschehen, wie sie es mir erzählte und wie es in Polizeiprotokollen festgehalten worden war.

Einmal kam uns auf unserem Weg zum Zahnarzt ein Mann entgegen, er sah aus wie Kalle Grabowski aus  "Bang Boom Bang" und war, wie sich zeigte, ein Freund von Melanie . Wir hielten kurz, sagten Hallo, liefen weiter. „Das war Ronnie, der organisiert Gang-Bang-Parties“,  berichtete meine Begleiterin. Gruppenorgien. Kalle Grabowski aber organisiere Parties der ganz besonderen Art, so Melanie: nur eine Frau und acht bis zehn Männer. Ich fand das sehr spannend und fragte sie darüber aus. Ob die Frau das freiwillig mache (Ja!), ob sie denn Spaß dabei hätte (Ja!), wie lange so eine Orgie dauere und so weiter.

Am nächsten Tag kam Melanie zu mir: Kalle Grabowski habe gefragt, wer die Schnitte bei ihr gewesen sei. Das war unsere Praktikantin, habe sie geantwortet. Und die war übrigens sehr interessiert an deinen Parties. Die Einladung, die mir auf diesem Wege zugekommen ist, steht noch offen.

Teil 4 in 24 Stunden

Gastbeitrag: Mr. No-Mercy Teil 2

Zwischen Phantasie und  Wahrheit bei den Bewohnern zu  unterscheiden, ist oft nicht ganz leicht. Sie selber können es ebenso wenig und wollen es wohl auch nicht. Diese Fluchten in Phantasiewelten drücken viel über die innigsten Wünsche und Sehnsüchte aus. Das wurde beispielsweise deutlich, als Rebecca verschwunden war.
Rebecca ist Mitte 30, sehr anstrengend, weil extrem selbstmitleidig, und schwere Alkoholikerin. Schon morgens ist sie in der Regel bei ihrem Stammtreff am U-Bahnhof Pankstraße zu finden, wo sie ihre tägliche Bier- und Kornration abarbeitet.
Eines  Morgens war Rebecca weg. Drei Tage blieb sie verschwunden, ohne dass jemand wusste, wo sie verblieben war.  Man machte sich schon große Sorgen und überlegte, welche Maßnahmen wohl zu ergreifen waren. Bis sie am vierten Tag anrief und ausrichten ließ, sie sei in der Sächsischen Schweiz, ein bisschen ausspannen und auf der Goldenen Hochzeit ihres Schwagers. Sächsische Schweiz? Goldene Hochzeit? Ein Schwager? Man wunderte sich sehr. Bis ein Bewohner schließlich berichtete, er habe Rebecca am Nettelbeckplatz, einem Szenetreffpunkt im Wedding, zusammen mit ihrer Schnapsflasche gesichtet.

Rebecca hat ein wildes Leben: bevor sie zu W.I.L. kam, wohnte sie in Spanien in einer Höhle, in einer Art Hippie-Gemeinschaft. Bei einem Höhlen-Nachbarn hat sie sich mit HIV infiziert und den Virus so lange unbehandelt in sich wüten lassen, bis sie mit einem Krankentransport nach Deutschland geliefert werden musste. Durch die deutschen virushemmenden Medikamente bald wieder aufgepäppelt, suchte sich Rebecca einen alternativen Abenteuerfaktor für ihr Leben, da der Alltag bei W.I.L. bedauerlicherweise so gar nicht ihren Höhlen-Gewohnheiten entsprach. So frönte sie fortan Drogen und Alkohol. Ihr Leben in Spanien vermisse sie sehr, erzählte sie mir, und oft stelle sie sich vor, wieder dort zu sein.
Nun sitzt sie Tag für Tag an ihrem Stammplatz im U-Bahnhof und phantasiert sich in Lebensmodelle hinein, die gegensätzlicher nicht sein können. Mal sieht sie sich im Inbild der Bürgerlichkeit, auf einer Goldenen Hochzeit eines nicht existierenden Schwagers in der Sächsischen Schweiz, mal zurück im Abenteuerland in ihrer spanischen Höhle.
Als Rebecca nach einer Woche wiederkam, fragte ich sie, wie es in der Sächsischen Schweiz gewesen wäre. „Schön“, sagte sie, „zur Hochzeitsfeier haben wir Hackbraten gegessen.“
Der innige Wunsch nach einem geordneten Leben wird auch bei einem anderen Bewohner, Pierre, deutlich. Pierre ist als kleiner Junge von seiner Mutter verkauft worden und hat seine Kindheit auf sämtlichen Babystrichen Deutschlands verbracht. Eigentlich ist es ein Wunder, dass er nicht in einer geschlossenen Anstalt sitzt. Trotzdem hat er offensichtlich Schäden davongetragen. Allem begegnet er extrem verächtlich und herablassend, und mir gegenüber war er lange Zeit völlig unnahbar.
Einmal musste ich ihn zum Jobcenter begleiten. Nachdem wir uns auf dem Weg zur S-Bahn angeschwiegen hatten, fragte er mich plötzlich und unvermittelt, wer bei uns zuhause den Weihnachtsbaum schmücken würde. Meine Eltern oder die Kinder? Was es Weihnachten zu essen gäbe   - Gans? Ente? Würstchen und Kartoffelsalat? Ob wir die Bescherung vor oder nach der Kirche machen? Ich beantwortete Frage für Frage, war aber eigentlich damit beschäftigt, meine Vorstellung zu verdrängen, von  welchen eigenen Erfahrungen sein Interesse am harmonischen Weihnachten feiern wohl stammten.
Was mich oft sehr gestört hat, war die Antriebslosigkeit, das Selbstmitleid,   das bei den W.I.L.-Bewohnern die Atmosphäre bestimmt. Die Meisten sind mit Methadon substituiert, ein Mittel, das sich stark auf die Stimmung auswirkt, depressiv,  phlegmatisch und lethargisch macht. Für diejenigen, die viel Beikonsum (Drogen parallel zu ihrem Substitutionsmittel) haben, ist allein die Drogenbeschaffung Motivation, um morgens aus dem Bett zu kommen. Viele macht das Methadon so müde, dass sie ohne eine morgendliche Dosis Kokain gar nicht aufstehen können.

Andere, die es geschafft haben, durch das Methadon ihren Konsum zu reduzieren, fehlt dieser tägliche Antrieb. Von W.I.L. wird viel Beschäftigungsprogramm angeboten, aber obwohl man sich oft über Langeweile beschwert, ist der Andrang bei solchen Ausflügen minimal.   Teil 3 in 24 Stunden

Gastbeitrag: Mr. No-Mercy Teil 1

No Mercy  und russisches Roulett in Berlin.

Drei Monate lang habe ich Praktikum in der Berliner Wohneinrichtung „W.I.L.“ * für HIV- und Hepatitis C-Infizierte Drogenabhängige gemacht.
Ich kam dorthin, ohne eine genaue Vorstellung zu haben, was ich tun würde.  Am  ersten Tag war ich mit Starren beschäftigt. Nachdem ich eine Führung durch das Haus und die Wohngemeinschaften bekommen hatte, saß ich im Bewohnercafé und glotzte. Bei den Meisten der knapp zehn Bewohner, die sich dort gerade aufhielten, hätte ich die Straßenseite gewechselt, wenn ich ihnen im Dunkeln begegnet wäre. Menschen, denen ich bisher nur mit genug Sicherheitsabstand auf Bahnhöfen begegnet war.
Eine von ihnen kam zu mir und sprach mich an. Die Frau, Vera, fragte mich aus, machte Komplimente, umgarnte mich, dass es mir schon fast unangenehm wurde. Dann ging sie kurz hinaus, um sich Kaffee zu holen, kam wieder, und brüllte. Sie hasse uns! Wir können sie alle mal!
Was hatte ich falsch gemacht? Die Tür knallte, und Vera verschwand. Ob sie eine schlechte Nacht auf dem Strich gehabt hätte, schrie ihr ein Mann mit Lederweste und Vokuhila hinterher. „Das meint sie nicht so, die war nur breit“, sagte einer der Sozialarbeiter zu mir. Ach  so. Die erste halbe Stunde meiner drei Monate war um.
Ich sollte erst noch lernen, dass viele der Bewohner unter dem  Borderline - Syndrom leiden, das ihre Stimmung innerhalb kürzester Zeit kippen lässt und sie besonders launisch macht, wenn sie grade gekokst oder Alkohol getrunken haben. Heroin hingegen ist für die Betreuer sehr viel erträglicher, es macht eher friedlich und stellt ruhig.

W.I.L.  steht für „Wohnen im Leben“. Knapp 30 Bewohner sind dort in betreuten Wohngemeinschaften untergebracht.

Bei dieser Doppelbelastung durch Krankheit und Sucht steht die Drogenabhängigkeit in der Regel im Vordergrund der Betreuungsarbeit. Die Sucht ist in den meisten Fällen Ursache für die HIV- oder HCV - Infektion.
Die Arbeit der Wohneinrichtung ist nicht darauf ausgerichtet, den Bewohnern die Drogen zu verbieten, sondern ihnen in ihrem Zustand der Abhängigkeit einen möglichst geregelten Alltag zu organisieren. Dabei werden sie nicht bevormundet. Wenn für einen Bewohner in seinen Alltag Prostitution gehört, wird das akzeptiert. Wenn jemand sich das Geld für den Drogenkonsum auf kriminellem Weg beschafft, wird auch das hingenommen.
Ein Praktikum in dieser Einrichtung lockte mich, weil ich nach meinen Erlebnissen mit Aids in Namibia und Südafrika etwas über den praktischen Umgang mit der Pandemie in Deutschland erfahren wollte.

Das Problem ist hier verglichen mit Namibia ein völlig anderes. Zwar breitet sich HIV auch bei uns immer weiter aus, aber anders als in Namibia sterben die Menschen nicht reihenweise daran, und vor allem gibt es keine ausgeprägte Stigmatisierung. Weil man in Deutschland inzwischen mit dem Virus ein normales Leben führen kann, hat es seinen Schrecken verloren, wird verharmlost und verkörpert sogar in manchen Berliner Schwulenszenen etwas Reizvolles. „Barebacker“ nennen sich diese militanten Kondomverweigerer. So finden auf Parties, durch Barebacker-Chatrooms vermittelte Zusammenkünfte und in Dark Rooms ungeschützte Orgien statt, bei denen der Kick für bisher Nicht-Infizierte die Ungewissheit ist, hinterher dem HIV-Club anzugehören oder davongekommen zu sein- wie russisches Roulett.

Das Spiel mit der Gefahr der HIV-Infektion wird in dieser Szene als Befreiung gefeiert, Kondome gelten als Mittel zur Diskriminierung HIV-positiver Menschen.
Die Menschen bei ZIK haben sich ihre Infektion nur in Ausnahmefällen in dieser Szene zugezogen, sondern meist durch benutzte Spritzen, oder, in den häufigsten Fällen, durch Prostitution. Mit Hepatitis C oder HIV infiziert zu sein, ist für sie zweitrangiges Thema: Ihr Alltag dreht sich um Drogen, um Drogenbeschaffung, Entgiftungen, Entzüge, die Versuche, aufzuhören, den Suchtdruck und wieder um Drogenbeschaffung.
Etwa 100 Euro kostet einen Durchschnittsjunkie der Drogenkonsum täglich. Das Geld wird oft auf zweifelhafte Wege beschafft, die in der Sozialarbeitersprache unter „Beschaffungskriminalität“ fallen.
Etwa 90 Prozent der Bewohner hat Knasterfahrung. Inzwischen bin ich bestens im Bilde über alle Vor- und Nachteile jeglicher Berliner Männer - und Frauengefängnisse. Das Essen in Tegel ist am  besten, die Behandlung in Moabit am schlechtesten ,  und die großzügigste Ausstattung gibt es in Plötzensee. Marc, der die Hälfte seiner Haftjahre in Kiel abgesessen hat, nennt die Anstalt dort ein Paradies, verglichen mit den Berliner Gefängnissen.
Während meiner Monate bei ZIK wurden drei der Bewohner „eingeknastet“, wie es dort genannt wird. Die Festnahmen verliefen sehr viel undramatischer, als ich es mir in meiner „Prison Break" und „Hinter Gittern-Frauenknast“ geprägten Gefängnis-Phantasie vorgestellt hatte. Nur in einem Fall gab es Verwirrung und Panik. Eines Morgens tauchten zwei eifrige junge Polizisten bei W.I.L. auf und wollten Frau Carola Meiners festnehmen. Bewaffneter Raub, Betäubungsmittelgesetzverstoß und 53 Schwarzfahrten wurden ihr angelastet. Eigentlich unter den Bewohnern keine nennenswerten Delikte, nur ist Carola Meiners keine Bewohnerin, sondern eine der Sozialarbeiterinnen. Carola, bewaffneter Raub? Die Polizisten hielten uns ein schwarz-weiß-Foto hin. Das sei nicht Carola Meiners, hieß es einstimmig im Team. Aber die diensteifrigen Polizisten wollten darauf nicht hören. „Wir kennen das, Sie wollen Ihre Bewohner immer schützen“, sagten sie. Endlich wurde Jens, der Projektleiter,  gerufen, der sich den Haftbefehl zeigen ließ. Dabei stellte sich heraus, dass sich die Wachtmeister leider verlesen hatten, da sie in der Zeile verrutscht waren und so die registrierte Betreuerin für die tatsächlich Angeklagte gehalten hatten.

Zur Entschuldigung der Polizisten muss ich allerdings sagen, dass auch ich einen der Sozialarbeiter die ersten drei Tage für einen Bewohner gehalten habe und die Aufklärung dieses Missverständnisses nicht zu den angenehmsten Momenten meines Praktikums zählte.

Auch mit den Namen hatte ich Schwierigkeiten, weil beinahe jeder der Bewohner einen Spitznamen trägt. Sie haben in den seltensten Fällen etwas mit den wirklichen Namen zu tun. Mit Spitznamen schafft  man sich in dieser Szene den Zugang zu seiner Parallelwelt, um so der oftmals trostlosen Wirklichkeit zu entfliehen.
Beispielhaft hierfür war Ritchie, wahlweise auch Ritchie Rich, der eigentlich Karl-Heinz Käßler heißt. Für jeden, der ihn nach der Herkunft seines Wahlnamens fragt, erfindet Ritchie eine andere Geschichte. Mir wurde ein langer wirrer Vortrag über die Filmfigur Richie Rich gehalten, dem er so ähnlich sei, und früher habe er die gleiche Achterbahn wie er in seinem Garten gehabt.
Eines Tages beschloss Ritchie, nicht mehr Ritchie zu sein. Er kam runtergehumpelt in das Bewohnercafé und verkündete in offiziellem Ton, er sei fortan Mr. No-Mercy. Einen ganzen Tag lang hörte er auf keinen anderen Namen mehr. Doch am nächsten Morgen, als man sich gerade an Mr. No-Mercy gewöhnt hatte, schien er über den Rausch seiner nächtlichen Drogendosis seine neue Identität vergessen zu haben. Auf mein Fragen hin konnte mir Ritchie bei bestem Willen nicht sagen, wer dieser Mr. No-Mercy sei.

Zwischen Phantasie und ..... TEIL 2 in 24 Stunden