Um zu verstehen, warum das so ist, habe ich ein paar Bilder gemalt, die ich gerne mit euch teilen würde. Am einfachsten wird der Sachverhalt klar, wenn man mit der Franzbank arbeitet. Die Franzbank wurde vor 10 Jahren von Franz gegründet. Sie hat 8 Euro Eigenkapital (siehe S.14, sowie Wikipedia) und eine Bank. Schauen wir sie uns mal an:

Die Franzbank nimmt ihr Geschäft auf und fängt an Einlagen anzunehmen und Kredite zu vergeben. Das ist das einzige Geschäft, das die Franzbank betreibt. Dieses Geschäft wird durch die Vorgaben der Politik reguliert, so wird zum Beispiel über die Capital Requirements Directive der europäischen Finanzaufsicht vorgeschrieben, wie viel Eigenkapital für alle Aktiva hinterlegt sein muss. Aktiva sind alle Dinge, die auf der linken Seite vom Tisch der Franzbank liegen. Aktuell sind 8 Prozent Eigenkapital die Regel für gewöhnliche Kredite (Eigenkapitalrichtlinie des europäisches Parlaments vgl. S.22 unter 14. Spezifisches Risiko). Kredite werden zwar unterschieden nach Risiko und Restlaufzeit, aber wir können vereinfacht davon ausgehen, dass 8 Prozent Eigenkapital für jedes Aktivum vorgehalten werden muss.

Das bedeutet, dass die Franzbank mit 8 Euro Eigenkapital bis zu 100 Euro Kredite verleihen kann. Nun gehen wir mal davon aus, dass Franz in den letzten 10 Jahren sehr aktiv war und sein Geschäft gut ausgebaut hat. Er hat Spareinlagen gesammelt, indem er Kunden von seinem Sparbuch überzeugt hat und das Geld dann weiterverliehen hat. Ich möchte jetzt den Punkt herausgreifen, an dem er GENAU auf der Grenze der gesetzlichen Vorgabe steht.


Auf der Zeichnung unten könnt ihr sehen, wieviel Geld die Franzbank verdient. Sie verleiht das angesparte Geld zu 6 Prozent weiter und zahlt 2,5 Prozent auf die Spareinlagen. Der Gewinn beträgt somit 3,70 Euro (In der Franzwelt werden alle Kredite immer zurückgezahlt, zumindest nicht unserem Fall). Wichtig ist es dieser Stelle, zu verstehen, dass Spareinlagen von Kunden bei der Bank für die Bank Schulden darstellen, d.h. Franz verschuldet sich mit jedem angelegten Euro immer weiter. Sie sind fremdes Kapital und werden daher auch als solches behandelt.

Jetzt kommt die Regierung ins Spiel und verlangt von allen Banken, dass zukünftig für alle Kredite 9 Prozent Eigenkapital hinterlegt werden müssen (Presseerklärung des Euro Gipfels vgl. S. 15 Anlage 2). Das bedeutet für Franz, dass er mit seinen 8 Euro Eigenkapital nur noch 88,88 Euro verleihen darf. In der gesetzlichen Übergangsfrist muss er diese Grenze einhalten. Dazu hat er drei Alternativen:

  • Er kann die Kredite kündigen und/oder auslaufen lassen, damit die Gesamtsumme geringer wird
  • Er kann versuchen, Kredite zu finden, die das Eigenkapital nicht belasten
  • Er kann mehr Eigenkapital beschaffen, indem er einen Investor findet, der 1 Euro als Eigenkapital in die Franzbank einlegen will

Franz darf also nur noch 88,88 Euro verleihen. Um von 100 Euro auf 88 Euro herunter zu kommen, darf er kein weiteres Geld verleihen und muss einige Kredite sogar kündigen, falls nicht genug Rückzahlungen in der Übergangsfrist stattfinden.

Plötzlich muss Franz feststellen, dass er weniger Geld verdient, weil er nicht mehr so viele Kredite vergeben kann:

Wenn wir die Bank genauer betrachten, stellen wir sogar fest, dass Franz zwar weniger Geld verdient, aber selber immer noch Geld hat. Auf der rechten Seite des Tisches hat er nämlich 92 Euro Kundeneinlagen und 8 Euro Eigenkapital, also insgesamt 100 Euro. Von diesen 100 Euro hat er aber nur 88 Euro verliehen. Ihm bleiben also 12 Euro, die er gewinnbringend irgendwo anlegen könnte, um zu vermeiden, dass sein Geschäftsergebnis sich um fast 19 Euro im Vergleich zum Vorjahr auf 3 Euro verringert. An wen kann Franz das Geld verleihen, ohne dass er dafür Eigenkapital braucht?

Jetzt haben wir die bemerkenswerte Stelle der Capital Requirements Directive gefunden. Es gibt ein paar Kredite, die man vergeben darf, ohne dafür eigenes Geld zu verwenden, d.h. sie dürfen vollkommen ohne Eigenkapital vergeben werden. All diese Kredite ohne Eigenbeteiligung gehen an einen Staat der europäischen Währungsunion. Ihr lest ganz richtig: Vollkommen ohne Eigenkapital!

Wenn die Franzbank nicht einen Gewinnrückgang von 18 Prozent einbüßen will, dann muss sie von den restlichen 12 Euro, die noch auf dem Tisch sind, Staatsanleihen kaufen. Das bringt ihr zwar nur 3 Prozent im Vergleich zu den vorherigen 6 Prozent, aber damit immer noch mehr als 0 Prozent. In dieser Handlungsalternative hat sich das Ergebnis der Franzbank nun auf 3,36 Euro verringert, also um minus 9 Prozent anstatt um minus 18 Prozent. Das Ergebnis der Franzbank hätte sich um ganze 18 Prozent verringert, wenn Franz keine Staatsanleihen gekauft hat.

Fazit dieser Feststellung ist, dass die Banken durch die Erhöhung des Eigenkapitals auf jeden Fall weniger Geld verdienen, aber diesen Effekt deutlich abmildern können, wenn sie Staatsanleihen kaufen. Der Gesetzgeber bevorzugt in der Gesetzgebung seine eigenen Schulden gegenüber allen anderen.

Es gäbe selbstverständlich Alternativen. Die Franzbank könnte ihre Kosten senken, indem sie ihre Sparbuch-Kunden anruft und sagt: “Grüß Gott, Frau Schneider. Leider ist ihr Konto bei uns voll. Wären Sie so freundlich ihr Geld bei uns abzuholen?”. Dann würde Frau Schneider die 12 Euro abholen die sie dort angespart hat und Franz hätte nur noch 88 Euro, davon 80 Euro Fremdkapital, auf das er 2,5 Prozent Zinsen bezahlt. In diesem Fall wäre sein Betriebsergebnis 3,28 Euro, also immer noch deutlich weniger als die Staatsanleihen zu kaufen. Eine gewinnoptimierende Bank würde diese Alternative aus vernünftigen Gründen nicht in Betracht ziehen.