Am Sonntag hörte ich eine Predigt, die mir sofort als sinnvoll und ausführungswürdig erscheint. Wir erleben gerade eine Zeit der Veränderung und der Krise. Es ist aber anders als viele Denken, nicht eine Krise des Finanzmarktes, oder der Staaten, des Systems oder des Glaubens. Es ist eine Krise des Vertrauens.

Sie fand ihren Anfang im Finanzmarkt, der sehr anfällg ist und extrem schnell reagiert. Durch die niedrigen Zinsen und die hohe Arbeitsteilung auf dem Kreditmarkt, zum Teil auch auf Grund des politischen Drucks, wurden Kredite für Eigenheime an Schuldner mäßiger bis schlechter Bonität vergeben. Mit Köderzinssätzen ausgestattet, die progressiv steigen, wurden Kredite vergeben und weiterverkauft. Haufenweise kauften Investoren weltweit diese scheinbar sicheren Pakete. Sowie die ersten anfingen auszufallen, verloren viele Investoren das Vertrauen in die Produkte. Die Kaufbereitschaft für Kreditpakete sank schnell, obwohl vielerorts die Zahlungsfähigkeit noch bestand. Dies führte zu einem Preisverfall, der denn Zusammenbruch verschiedener, großer Marktteilnehmer nach sich zog, weil die Werthaftigkeit ihrer Aktivposten flötten ging. Dieser Preisverfall war teils überhaupt nicht begründet. Es ist eine Krise des Vertrauens.

Weiter ging es mit einer Krise der Staaten. Bisher galten Staaten eigentlich als ultimativ sicher. Der Zins einer Bundesanleihe wird als risikofreier Zins gehandelt, weil der Staat nicht Pleite geht. Jetzt erleben wir mit Griechenland (107% des BIP)  eine Situation, in der die Mehrheit des Publikums nicht mehr an den Staat glaubt. Das dies eine reine Vertraunsgeschichte ist, zeigt sich daran, dass andere Länder wie Japan eine viel höhere Verschuldung (185% des BIP) aufweisen und trotzdem nicht als Bankrott gehandelt werden. Dies ist einzig und allein darauf zurückzuführen, dass Schuldscheine von Japan immer noch gekauft werden, wohingegen kein Investor griechische haben möchte. Es ist eine Krise des Vertrauens.

Der Missbrauchsskandal an vielen Schulen wird inzwischen aufgeweitet auf die gesamte Kirche. Können wir unserer Kirche vertrauen? Dürfen wir Priestern Kinder anvertrauen? Jahrtausende haben sie sich um uns gekümmert, jetzt wird das plötzlich in Frage gestellt. In anderen Missbrauchsfällen, zum Beispiel an staatlichen Schulen, wurde der Staat deshalb nicht in Frage gestellt, hier wird der Träger der Organisation allerdings doch in Frage gestetllt. Eine Krise des Vertrauens.

Datenschutz ist letztlich ein Thema des Vertraunes. Die Zeit schreibt über den Cyberkrieg zwischen den USA und China. Woher kommt dieser? Können wir mit unseren Daten dem Internet überhaupt trauen? Es ist eine Krise des Vertrauens.

Auf der nächsten Ebene haben wir eine Krise des Vertrauens in uns selbst. Hier kann jeder natürlich nur für sich selbst sprechen. Bei mir ist es in diesem vergangenen Jahr sehr so gewesen, dass ich auf Grund einiger Fehlleistungen mich fragen musste, ob ich mir selbst noch vertraue oder nicht. Kann ich das? Es ist eben eine Krise des Vertrauens.

In einer Unterhaltung sagte neulich jemand zu mir, diese Krise des Vertraunes findet ihren Ursprung in der Individualisierung. Erst seit jeder fuer sich verantwortlich ist und man auf persoenlicher Ebene entscheiden kann, wuesste man nicht mehr wem man glauben soll. Die Vielfalt ist einfach viel zu gross. Vor der Aufklaerung habe man solche Probleme, die ihren Ursprung in der Freiheit finden, nicht gehabt. Da war man eben eine Familie, glaubte an die Kirche, die Politik machte der Kaiser und damit hatte sich das Problem erledigt. Man musste sich nicht entscheiden. Das ist sicherlich richtig, aber sollen wir deshalb zu einem Pre-Aufklaerungszustand zurueck kehren?

Meines Erachtens muessen wir uns entscheiden was wir wollen, und warum wir das wollen. Erst dann koennen wir ausmachen, wem und wie weit wir vertrauen. Letztlich gruendet vertrauen darauf, dass man die Ziele des anderen kennt und seine vergangenen Handlungen diese unterstreichen. Wir haben das Gefuehl jemanden vertrauen zu koennen, wenn wir viel ueber ihn Wissen. Aber letztlich gibt es doch ueberhaupt keinen Grund dafuer. Nur weil meine Freundin mich gestern nicht betrogen hat, ist das doch kein Grund warum sie mich morgen nicht betruegen wird. Dennoch wird so gehandelt.

Der Kreditnehmer hat gestern seine Rate gezahlt, deshalb wird er auch morgen zahlen. Staaten gehen sowieso nicht Pleite, und die Priester in Deutschland haben schon Millionen von Kindern nicht missbraucht, warum sollten Sie es morgen tun? Trotdem passiert es.

Was bedeutet Vertrauen? Das ist die Krise unserer Zeit.