Würdest Du beim Sex gefilmt werden wollen? Wahrscheinlich nicht, obwohl es in einer perfekten Welt eigentlich keinen Unterschied machen würde. Warum sollte es Dich stören, wenn es der perfekte Partner, die perfekte Moral, der perfekte Körper ist, der dabei aufgenommen wird?
Stell Dir vor, jemand filmt Dich beim Einkaufen gehen. Würde es Dich im gleichen Maße stören wie beim Sex? Wahrscheinlich nicht, obwohl es faktische die gleiche Penetration der Privatsphäre ist. Wie unterscheidet sich denn das gefilmt werden beim Sex vom gefilmt werden beim Einkaufen? Was ist es, dass uns in manchen Dingen mit schmerzverzehrtem Gesicht und runzeliger Stirn aufquiken lässt, wohingegen wir in anderen Situationen in tiefem Ton antworten können?
Ihr erahnt es schon, heute ist das Thema die Privatsphäre. Was kann das bedeuten und warum ist es von Bedeutung? Mit “der abgeschirmte Bereich des persönlichen Lebens” wird Privatsphäre im Wörterbuch definiert. Wenn wir uns allerdings die Frage stellen: “was bedeutet die Privatsphäre?”, dann ist das ein Zeugnis dessen, dass sie wohl in den letzten Jahren immer kleiner geworden ist und jetzt kaum noch gefunden werden kann.
Das elektronische Zeitalter macht alles und jedes nachverfolgbar. Wo ich bin, lässt sich durch den Einsatz meiner Visa oder EC Karte, leichter noch durch mein Handy feststellen. Wem das nicht reicht, der sollte sich für Google Latitude anmelden. Mit wem bin ich befreundet sieht jeder leicht auf Facebook, Twitter, Xing oder LinkedIn ein. Was sind meine Themen? Die kostenlosen Emailanbieter Hotmail, Google, Web.de, GMX wissen es besser als alle anderen. Immerhin speichern sie unsere Korrespondenz. In Amerika ist es, im Gegensatz zu Deutschland, gestattet positive Finanztransaktionsdaten zu speichern. Wie viel Geld gibst Du für was aus? Das ist erwerbare Information. Nicht zu letzt ist zum großen Ärger vieler die Adresse schon lange kein Geheimnis mehr. Jedes noch so kleine Gewinnspiel führt zu Unmengen von nutzloser Post Werbung.
Aber warum ist uns das ein Dorn im Auge? Nehmen wir Herr Langweilig als Beispiel. Herr Langweilig hegt nur positive Intentionen, telefoniert jeden Sonntag mit seiner Mutter, ist glücklich verheiratet seit unzähligen Jahren, hat zwei Kinder die Leistungsträger in ihren Klassen sind. Wenn ihr jetzt auch noch wisst, was Herr Langweilig ausgibt und wo er sich aufhält, dann fallt ihr in Ohnmacht. Es ist einfach unglaublich LANGWEILIG!
Oder vermische ich da gerade zwei Themen? Vielleicht gehört das eine in den Bereich Datenschutz und das andere tatsächlich zur Frage der Privatsphäre. Irgendwie scheinen die zwei verbunden zu sein und dennoch getrennt. Das eine Frage die Unterscheidung zwischen Selbstbild und Fremdbild ist, versteht sich von selbst. Wie werde ich wahrgenommen im Gegensatz zu wie sehe ich mich selbst. Möchte ich das andere wissen, dass ich eine Sehnsucht nach Nutella habe? Wenn nicht, insteht instinktiv eine Abneigung gegen zu viel Datenfreiheit.
Auf der andere Seite scheint es aber eine klare, untrennbar persönlich Zone zu geben, die wir unabhängig von Diskrepanz zwischen Schein und Sein dennoch für uns haben und behalten wollen. Es ist nun mal eine persönliche Sache, wenn man seine Liebe mitteilt. Wir möchten nicht alles mit jedem besprechen und es ist ganz natürlich, dass uns manche Sachen verletzten oder von uns als Geheim erachtet werden. Diese Privatsphäre verlangt, dass die Information nicht mit jedem geteilt wird, aber auch, dass sie nicht objektiv ablesbar ist. Mischen sich an dieser Stelle unsere Themen?
Die digitale Welt macht die Spur unseres Lebens sehr leicht einsehbar. Immer schon entstanden Spuren unserer Interaktion, auch lange bevor es Computer gab. Es ist sogar eine Grundvoraussetzung des Menschseins, dass wir mit unserer Welt interargieren, und das ist nicht möglich ohne das sich etwas in der Welt verändert. Aber niemals zuvor konnten wir so effizient nachvollziehen, wann sich wo etwas geändert hat. Wie geht man mit diesen neuen Umständen um?
Dies wird eines der großen Themen der Generation Internet werden. Wir müssen ein Gleichgewicht finden, eine goldene Mitte. Photos auf Facebook und Flickr, Videos auf YouTube. Wer möchte gesehen und photographiert werden? Wem gehören die Bilder? Woher weiß ich, dass sie getreu meiner Bitte vernichtet wurden? Was erzählen Freunde aktiv weiter, worüber lästern Sie, indem Sie einfach nur ihre Fotos mit ihrem Netzwerk teilen?
Sicherlich erhöht sich durch die Transparenz unserer Gesellschaft der Druck auf das Individuum integer zu sein und richtig zu handeln. Der einen Freundin sagt man, man wäre krank, am Tag drauf erkennt sie einen auf Photos von ClubStars wieder. Solche Situationen sind peinlich und ärgerlich, fordern aber auch vom Einzelnen, dass er in Zukunft ehrlicher zu sich und seiner Umwelt ist. Aber wie weit darf dieser Druck gehen? Muss ich lesbar sein wie ein Buch?
Neulich erschein bei heise ein Artikel über das Wissen von Facebook über Nicht-Mitglieder. Dem Mitgleid Markus wird angeboten, dass Facebook sein Emailkonto durchforstet um herauszufinden, welche Facebook Mitglieder er kennt. Konsequenz ist, dass natürlich alle Emailadressen gespeichert werden, die Mitgleid Markus kennt. Meldet sich jetzt Jürgen bei Facebook an, dann wird Facebook automatisch Jürgens Emailadresse in seiner Datenbank suchen und ihm Markus als “Freund” vorschlagen, weil er in dem Adressbuch von Markus gespeichert gewesen ist als dies durchsucht wurde.
Wie sieht das unter Freundinnen aus? Ein junger Hengst bittet um die Handynummer Deiner besten Freundin. Gibst Du sie heraus? Verletzt das ihr Recht auf Privatsphäre? Wikipedia zitiert dazu: Privacy bedeutet […] mehr als‚ das Recht in Ruhe gelassen zu werden‘, sondern das aktive Recht, darüber zu bestimmen, welche Daten über sich […] von anderen gebraucht werden und welche Daten auf einen selbst einwirken dürfen. (aus “Die Konsequenzen von Informationsassistenten”, von Rainer Kuhlen). In diesem Sinne wäre, selbst wenn man nicht über sie lästert, sondern nur ihre Handynummer weitergibt schon eine Verletzung der Privatsphäre. Was passiert, wenn wir auch noch etwas über Sie “weiter tratschen”?
Wer lästert überhaupt und warum? Lästern wir, weil wir Böses einem wollen? Wahrscheinlich nicht. Ich vermute, dass zwei Dinge zum Lästern anregen. Ersterns möchten wir nicht Intimes, also aus unserer Privatsphäre mitteilen. Zweitens möchten wir den Schmünzler oder die wenigen Sekunden des Lachens in einem Gespräch auf unserer Seite haben. Was darf man weiter sagen was nicht? Ich vermute, dass man mit dieser Frage anfängt, ein alltägliches Problem zu verwissenschaftlichen. Es sei dem Gefühl des Lesers überlassen.
Anfang Februar 2010 entschied sich die Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland, sich der Hehlerei schuldig zu machen und gestohlene Daten aus der Schweiz zu klauen. In den Medien wurde groß darüber diskutiert, ob es legitim sei gestohlene Daten über Steuersünder zu kaufen. Frage an meine Leser: woher weiß der Verkäufer der CD denn, dass es sich um Steuersünder handelt? Das kann der Verkäufer gar nicht wissen, denn er hat keine Einsicht in die Steuerunterlagen der vorliegenden Privatpersonen. In den Medien wird aber breit flächig angenommen, dass es hier ein Tausch “kleines Übel gegen großes Übel” sei. 2,5 Millionen Ausgaben für 100 Millionen Einnahmen. Quantitativ könnte das stimmen, qualitativ bleibt es aber eine Verletzung der Privatsphäre, um dann zu prüfen, ob es vielleicht ein großes Übel aufdeckt. Das darf nicht sein.
Wie immer, Kommentare erwünscht.