Es herrschte allgemeine Überraschung, dass Yannick am Morgen der Verhandlung überhaupt auftauchte, denn eigentlich erscheint er prinzipiell nicht zu vereinbarten Terminen. Allerdings hatte er sich vorher scheinbar Mut angetrunken: Mit heftiger Fahne schwankte er neben mir zur U-Bahn. Dort stießen wir auf einen bulligen Typen mit gerötetem Gesicht und unterlaufenen Augen. Ein Freund von Yannick, der ihm Beistand leisten wollte. Er hatte eine Sporttasche bei sich, die verdächtig klirrte. Auf mein Fragen hin stellte sich heraus, dass er darin den „Stoff“ bei sich trug, mit dem die beiden später auf die überstandene Verhandlung anstoßen wollten.
Im Gericht allerdings wurde dem Freund gesagt, er dürfe die Tasche nicht mit hinein nehmen. Unten abgeben wollte er das kostbare Gut nicht, weshalb er es vorzog, lieber draußen zu bleiben. Dieser Ort schien ihm ohnehin nicht sehr zu behagen.
„Mach dein Handy aus“, sagte ich, als wir vor dem Gerichtssaal auf den Beginn der Verhandlung warteten. Doch Yannick war abgelenkt und hörte nicht zu. Sein Ankläger, der geistig Behinderte, war nämlich soeben gekommen und stand mit zehn Metern Sicherheitsabstand am anderen Ende des Flurs. Klein, dick und ungepflegt sah er aus und reckte den Kopf in unsere Richtung wie ein blinder Maulwurf, der das Umfeld seines Hügels kontrolliert. Yannick, der sich mir gegenüber immer völlig harmlos verhalten hatte, wirkte plötzlich sehr bedrohlich. Ich bekam schon Angst, dass die Situation eskalieren könnte , als zum Glück Yannicks Betreuerin Mareike und seine Anwältin erschienen, die vorher noch einen Termin miteinander gehabt hatten.
Die Verhandlung wurde eine absurde Veranstaltung. Immer wieder fielen Yannick die Augen zu – sein Bier-Frühstück tat seine Wirkung. Der Zeuge der Anklage sprang mehrmals auf und machte mit greller Stimme zusammenhangslose Kommentare, die seine Betreuerin vergeblich zu bremsen versuchte. Zwischendurch erwog man, die Verhandlung abzubrechen. Nur als Yannicks psychologisches Gutachten vorgelesen wurde, schien er zu erwachen. Sein Blick fokussierte sich, und er starrte die Gutachterin an. „Beide Elternteile des Angeklagten waren Alkoholiker. Herr N. ist suizidal veranlagt, sein Vater brachte sich um, und Herr N., zu dem Zeitpunkt elf Jahre alt, fand ihn auf (…)“
Wie viele Andere bei W.I.L. hat Yannick demnach kaum eine Chance gehabt, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Das Lebensgefühl der Arbeitslosigkeit, das Elend und die Sucht hat er von seinen Eltern geerbt.
Als Richter und Staatsanwalt sich gerade zur Urteilsverkündung zurückgezogen hatten, klingelte Yannicks Handy. Sein Kumpane von unten war dran, der wissen wollte, wo sie sich zum Saufen treffen würden . In aller Ruhe wurden die Abmachungen getroffen.
Yannicks Urteil lautete schließlich: zwei Jahre ohne Bewährung. Dass er diese noch absitzen wird, ist zu bezweifeln. Sein Arzt und die Sozialarbeiter vermuten, dass er sich vorher vom Leben verabschiedet haben wird.
Dass der Tod in dieser Szene eher emotionslos betrachtet wird, ist angesichts der vielen jährlichen Drogentoten nicht verwunderlich. Doch an dem emotionslosen Umgang mit dem Tod zeigte sich auch eine mangelnde Begeisterung für das Leben. Diese Gleichgültigkeit fand ich manchmal schwer zu ertragen.
Aber woher sollte Lebensfreude kommen, wenn es bei den Wenigsten einen sinnstiftenden Lebensinhalt gab. Bei manchen konnte man immerhin beobachten, dass sie auf der Suche nach einem solchen Inhalt waren.
Willi zum Beispiel. In der Anfangszeit meines Praktikums hatte Willi einen schlimmen Drogenabsturz gehabt, der ihn fast das Leben gekostet hätte. Nachdem er sich wieder erholt hatte, hatte er offenbar beschlossen, von nun an etwas aus seinem Leben zu machen. Willi war auf die Idee gekommen, Tätowierer zu werden. Im Gefängnis, behauptete er, habe er sich einmal von einem Fachkundigen die nötigsten Grundlagen beibringen lassen, jetzt fehle nur noch ein bisschen Übung. Ein Blick auf seine Arme zeigte, dass er es schon an sich selber probiert hatte. Da das offensichtlich nicht besonders gut funktioniert hatte, suchte er nun Kunden, an denen er seine Fähigkeiten auffrischen wollte. Mir, sagte er, würde ein blutendes Herz über der Brust gut stehen. Das sah ich anders. Seine Pläne musste Willi schließlich aufgrund mangelnder Kundschaft wieder aufgeben.
Jule, eine andere Bewohnerin, war bei ihrer Suche nach sinnstiftendem Lebensinhalt erfolgreicher. Sie hat sich dem Aquarium im Bewohnercafé verschrieben. Ihre Aufgabe, die Fische einmal am Tag mit einer Schaufel Futter zu versorgen, nimmt sie, milde gesagt, durchaus ernst. Sie redet über nichts anderes und behauptet sogar, die Fische kämen an die Scheibe geschwommen, wenn sie den Raum betrete. Jedem Fisch hat sie einen Namen gegeben, verwechselt sie nur ständig. “Arielle”, “Sponge Bob” und “Patrick” sind leider die einzigen, die ich noch erinnere.
Einmal gab es Stromausfall, eine Sicherung war rausgeflogen. Jule saß im Café und erstarrte: Die Sauerstoffpumpe im Aquarium hatte aufgehört zu blubbern! Sie schrie auf und rannte hinaus. Ich dachte, sie würde in ihre Wohnung gehen und irgendetwas kaputt machen, wie sonst, wenn sie sich aufregte. Doch sie kam zurück – in der Hand die klebrige Düse des Staubsaugers. Jule stürzte zum Aquarium und begann, die Düse an ihren Mund gepresst, die Fische zu beatmen. Sie keuchte und hustete, ließ sich aber von keinem der Betreuer bremsen und hörte erst wieder auf, als der Strom wieder ansprang. Von ihrer aufopferungsvollen Rettungsaktion der Fische redete sie noch lange. Jens, der Projektleiter, äußerte die Sorge, ob Arielle, Sponge Bob, Patrick und Co wohl die nikotinhaltige Mundgeruchsladung und Alkoholfahne aus Jules Rachen überleben würden, aber es ging alles gut.
Obwohl mir mein Alltag bei W.I.L. rückblickend oft bizarr vorkommt, machte er mir großen Spaß. Irgendwann aber hatte ich einen Punkt erreicht, an dem meine Stimmung kippte. Es war nach einem Tag, an dem ich Erika, eine Alkoholikerin, in ihrer Wohnung aufgefunden hatte. Erika sitzt im Rollstuhl und hat häufig sehr depressive Phasen. Vor ihrem Selbsthass, den man bei ihr recht deutlich wahrnimmt, flüchtet sie sich in Selbstmitleid, und dieses Selbstmitleid versucht sie mit Alkohol zu betäuben. Häufig fühlt sie sich als Opfer und macht ihre Mitmenschen zu Tätern, zu Schuldigen an ihrem Elend.
Erika hatte schon eine Weile nichts von sich hören lassen, weshalb ich mit Mathias, einem Sozialarbeiter, schließlich zu ihr in die Wohnung ging. Sie war aus ihrem Rollstuhl gefallen und lag in Unterwäsche in ihrem eigenen Urin, nur halb bei Bewusstsein. Als sie uns sah, fing sie an, vor sich hin zu heulen. Wir hievten sie zurück in den Rollstuhl, und ich bezog ihr Bett neu. Der Geruch in der Wohnung und der Anblick von Erika verfolgten mich sehr viel länger, als der von Hartmuts eitergetränkten Klamotten.
Nach diesem Tag begann eine Phase, in der ich genug von Allem hatte. Genug von dem Selbstmitleid und der fehlenden Eigenverantwortung, genug von den leeren Blicken, dem wirren Gerede und dem ständigen Beklagen. Zu allem Überfluss hatte ich mir von irgendeinem der Bewohner Flöhe eingefangen! Es reichte mir alles.
So kam es mir entgegen, dass ich mir einen Tag freinehmen konnte, um einen Job wahrzunehmen, der mir über meine Messeagentur vermittelt wurde. Einen Tag lang war ich Hostess auf der Hauptversammlung einer Aktiengesellschaft. Es war eine kleine Versammlung, knapp 40 Teilnehmer. Lauter gestutzte Schnurrbärte, dicke Bäuche und ordentliche Scheitelfrisuren. Brave Durchschnittsbürger.
Ich hoffe, ihnen viele meiner Flöhe abgegeben zu haben, denn was folgte, war menschlich das absurdeste, was ich je erlebt habe. Die Kleinaktionäre waren, vorsichtig gesagt, unzufrieden mit dem Vorstand und machten das recht deutlich. In dem Raum, in dem die Versammlung stattfand, ballte sich in diesen 14 Stunden der ungezügelte Hass, der besonders von Herrn Klein und Herrn Freitag geschürt wurde. Die meiste Zeit verbrachten sie vorne stehend, Bier trinkend, Fäuste schleudernd und brüllend. Ich hatte eigentlich die Aufgabe, Wortzuteilungen zu machen, was sich als unmöglich herausstellte. Zwischendurch habe ich mitgeschrieben, was geäußert wurde : „Schwachmaten, Lügner, Betrüger, Schweine, Hampelmänner, gehen Sie nach Nordkorea, Sie Ahmadinedschad, oder besser ab ins Heim, ab ins Heim , Sie debiler Sack(…)“
Mikrofone wurden abgedreht, Teilnehmer aus dem Raum verwiesen, mit Polizei gedroht (von beiden Seiten) – es war das wahnsinnigste Verhalten, das ich je gesehen habe. Seit zwei Monaten verbrachte ich meine Tage mit Obdachlosen, Haftinsassen, Prostituierten und Kriminellen und habe dort nie so etwas erlebt, wie bei dieser Versammlung. Aber obwohl es mich nach Feierabend vor lauter Menschenekel schauderte, hatte dieser Tag doch den positiven Effekt, dass er mir bezüglich meiner „Asozialen“ bei W.I.L. ein Augenöffner war. Die kamen mir am nächsten Morgen alle höchst manierlich und anständig vor.
Obwohl jeder Tag dieser drei Monate spannend war und ich in einer Erlebnisdichte gelebt habe, die mir sicher fehlen wird, glaube ich nicht, später tatsächlich auf diesem Gebiet arbeiten zu können. Für die regelmäßigen Rückfälle und Abstürze hätte ich nicht genug Frustrationstoleranz.
„Jede Sucht hat eine Geschichte“, ist ein Grundsatz in der Drogentherapie. Meine Zeit in der Wohneinrichtung hat mir gezeigt, wie lohnend es ist, sich diesen Geschichten und Schicksalen zu öffnen.