Nicht nur bei Ärzten, auch in Krankenhäusern und Psychiatrien war ich während dieser drei Monate häufig. Bei einem dieser Besuche hatte ich das wohl widerlichste Erlebnis meines Lebens. Es ging zu Hartmut, der wegen eines Abszesses operiert wurde. Abszesse bilden sich leicht, wenn beim Spritzen der Droge die Vene nicht richtig getroffen wird.

Hartmuts Abszess war an den Hals gewandert und hatte sich dort entzündet. Dort war er zu einer Blase in der Größe zweier Tennisbälle angeschwollen, gleichzeitig aber auch unter der Haut gewachsen, wie ein überdimensionaler Eiterpickel. Als Hartmut sich endlich dazu bringen ließ, damit ins Krankenhaus zu fahren, war es fast zu spät. Hartmut saß im Behandlungszimmer, war aber noch nicht angerührt worden, als sein Geschwulst platzte. Fast ein Liter Eitersuppe schoss anderthalb Meter weit aus ihm heraus und ergoss sich über ihn, seine Hose und Jacke, die Schuhe des Arztes und den Boden. Die Krankenschwester sei herausgestürmt, erzählte Hartmut.

Das alles musste ich mir, an seinem Bett stehend, wieder und wieder anhören. Entweder war Hartmut stolz auf sein Eitergeschoss, oder er musste das Erlebnis durch wiederholtes Erzählen verarbeiten. Der Bettnachbar schien die Geschichte auch schon das eine oder andere Mal gehört zu haben. Irgendwann hatte ich genug von den detaillierten Beschreibungen über Geruch und Substanz der Flüssigkeit und wollte gehen. Ob ich ihm noch etwas bringen könne, fragte ich Hartmut. Nein, aber was mitnehmen müsstest du, sagte er. Oh nein.

Er ging zu seinem Schrank, öffnete ihn, und heraus kam der übelste Geruch, der meiner Nase jemals zugemutet worden ist. Seine eitergetränkten Klamotten sollten zu W.I.L. gebracht und gewaschen werden! Ich musste mein Würgen unterdrücken, als ich versuchte, die Sachen in eine Plastiktüte zu packen. Sie gingen kaum  hinein, so hart und steif waren sie von dem eingetrockneten Eiter. Irgendwann gewöhnte sich meine Nase, und ich roch,  eingehüllt in eine Wolke aus Dämpfen, überhaupt nichts mehr. Allerdings die Menschen, die mit mir in der U-Bahn saßen. Danach wusste ich, wie man sich als Aussätziger fühlen muss. Einen sehr positiven Effekt hatte der platzende Eiterballon: Hartmut hatte sich den Abszess in Folge eines Drogenrückfalls zugezogen, nachdem er fast ein halbes Jahr lang clean gewesen ist. Nach dieser Geschichte, schwor er mir, würde er den Drogen endgültig fernbleiben. Leider sind diese Versprechen meist schnell vergessen, aber bis zum Ende meines Praktikums hat er jedenfalls durchgehalten.

Der Kampf gegen die Sucht dauere ein Leben lang, erzählte Hartwig mir. Auch wenn man jahrelang clean war, genüge ein schwacher Moment, und man stecke wieder im Drogensumpf drin. Clean zu sein bedeutet nicht, von der Sucht kuriert zu sein.

Zu meinem Alltag bei W.I.L. gehörten nicht nur Arzt- und Krankenhausbesuche, sondern auch die Begleitung zu Gerichtsverhandlungen. Nicht alle waren besonders aufregend, meistens ging es um Diebstähle und Schwarzfahren. Eine Verhandlung aber ist mir stark in Erinnerung geblieben. Ich begleitete Yannick zum Gericht. Yannick ist Anfang 20, kaum älter als ich, aber wird wohl nicht mehr lange leben. Entweder wird er sich selber umbringen, was er während meines Praktikums zweimal  nacheinander probierte, oder er stirbt an Leberversagen. Seine Hepatitis ist weit fortgeschritten, er steht kurz vor der Leberzirrhose,  und der Arzt gibt ihm nicht mal mehr ein  Vierteljahr. Sein Leberversagen beschleunigt Yannick massiv durch exzessiven Alkoholkonsum. Er trinkt zwei bis drei Flaschen Korn täglich, dazu maßlos Bier und führt sich Tag für Tag einen wilden Drogencocktail zu. Dieser Konsum kostet natürlich viel Geld   – Geld, das er sich über moralisch nicht ganz einwandfreie Wege beschafft.  Der  Hauptanklagepunkt der Verhandlung, zu der ich ihn begleitete, lautete  Erpressung. Über Monate  hinweg  hatte er täglich einen geistig behinderten Mann abgefangen und ihm Geld abgeknöpft und ihn sogar gezwungen, ihn eine Zeitlang bei sich wohnen zu lassen.

Teil 5 in 24 Stunden