Zu meinen täglichen Aufgaben gehörte es, bestimmte Bewohner zum Substitutionsarzt zu begleiten, um zu kontrollieren, dass das Mittel abgeholt und genommen würde. Es ist oft vorgekommen, dass Urinproben von substituierten Klienten ergeben haben, dass das Mittel zwar wochenlang täglich abgeholt, aber nie genommen wurde. Methadon lässt sich nämlich zu guten Preisen am Kotti, dem Berliner Drogen-Mekka, an andere Junkies verkaufen. Bis vor kurzem gab es im Wedding sogar einen kriminellen Apotheker, der sämtlichen Junkies ihr Methadon abkaufte.
Neben den Gängen zu Substitutionsärzten müssen besonders Zahnarzttermine überwacht werden. Die Wenigsten haben nach langer Obdachlosigkeit und exzessivem Heroinkonsum noch echte Zähne. Die verstümmelten Reste zu entfernen und auf das meist entzündete Zahnfleisch ein Gebiss einsetzen zu lassen, muss recht unangenehm sein, weshalb zwanghaft versucht wird, um die Zahnarzttermine herumzukommen.
Die Termine selber waren eigentlich eher unspannend, ich bekam nur abstoßende Bilder von eiterndem Zahnfleisch und vergammelten Zahnstumpen zu sehen. Spannend aber war, mit den Bewohnern unterwegs zu sein.
Kai zum Beispiel, den ich oft begleitete, hat die Angewohnheit, Zigarettenstummel von der Straße aufzuheben und zu Ende zu rauchen. Außerdem wühlt er in jedem Mülleimer, den er passiert, um Zeitungen herauszuziehen. Ich mied es, mit ihm über Märkte zu gehen, weil er dort prinzipiell etwas unter seine Jacke gleiten lässt, und ich fürchtete, irgendwann gemeinsam geplanten Diebstahl vorgeworfen zu bekommen. Was er klaut, unterliegt keinem System. Einmal zog er, enttäuscht über seinen wahllosen Griff in die Auslage eines Marktstandes, künstliche Fingernägel unter seiner Jacke hervor und bot sie mir an. Bei Kai, der aussah wie ein Gespenst, ein ungewaschenes, übel riechendes Gespenst, hatte ich nicht erwartet, dass er besonders gebildet sein würde. Aber der Schein trügt – Kai ist historisch und aktuell-politisch bestens informiert. Oft lasen wir zusammen den Spiegel, und er erklärte mir die Passagen, die ich nicht verstand.
Auch Melanie, eine 25jährige Bewohnerin, musste ich häufig zum Zahnarzt begleiten. Sie erzählt sehr offen, und manchmal wünschte ich mir, sie würde damit aufhören. Wenn sie mir von ihrer Vergangenheit berichtete, schwankte ich zwischen Faszination und Fassungslosigkeit. Melanie ist häufig vergewaltigt worden und hatte früher heftige von LDS ausgelöste Psychosen. Während dieser Zustände handelt Melanie auf Befehl von Stimmen, die ihr zuflüstern, eine wichtige Mission erfüllen zu müssen, um die Menschheit vor etwas Unbenennbarem zu retten. So ist sie nackt mit einer Axt durch Berlin gelaufen, hat Gräber verwüstet, sich vor ein Auto geworfen und noch viele ähnlich harte Erfahrungen gemacht.
Jetzt nimmt sie Medikamente gegen die Psychosen, die sie zwar davon abhalten, erneut die Menschheit retten zu wollen, dafür aber unangenehme Nebenwirkungen haben. Die Bewohner, die diese Medikamente nehmen, wirken oft abgestumpft und apathisch, scheinbar jeder Gefühlsregung beraubt. Jede Phantasie und Leidenschaft scheint ihnen genommen zu sein.
Wenn ich von einer Tour mit Melanie zurückkam, erkundigte ich mich meist erst mal bei ihrer Betreuerin, ob die Geschichten, die sie mir erzählte, wirklich stimmten – manches konnte ich einfach nicht glauben. Aber alles war tatsächlich so geschehen, wie sie es mir erzählte und wie es in Polizeiprotokollen festgehalten worden war.
Einmal kam uns auf unserem Weg zum Zahnarzt ein Mann entgegen, er sah aus wie Kalle Grabowski aus “Bang Boom Bang” und war, wie sich zeigte, ein Freund von Melanie . Wir hielten kurz, sagten Hallo, liefen weiter. „Das war Ronnie, der organisiert Gang-Bang-Parties“, berichtete meine Begleiterin. Gruppenorgien. Kalle Grabowski aber organisiere Parties der ganz besonderen Art, so Melanie: nur eine Frau und acht bis zehn Männer. Ich fand das sehr spannend und fragte sie darüber aus. Ob die Frau das freiwillig mache (Ja!), ob sie denn Spaß dabei hätte (Ja!), wie lange so eine Orgie dauere und so weiter.
Am nächsten Tag kam Melanie zu mir: Kalle Grabowski habe gefragt, wer die Schnitte bei ihr gewesen sei. Das war unsere Praktikantin, habe sie geantwortet. Und die war übrigens sehr interessiert an deinen Parties. Die Einladung, die mir auf diesem Wege zugekommen ist, steht noch offen.
Teil 4 in 24 Stunden