Zwischen Phantasie und Wahrheit bei den Bewohnern zu unterscheiden, ist oft nicht ganz leicht. Sie selber können es ebenso wenig und wollen es wohl auch nicht. Diese Fluchten in Phantasiewelten drücken viel über die innigsten Wünsche und Sehnsüchte aus. Das wurde beispielsweise deutlich, als Rebecca verschwunden war.
Rebecca ist Mitte 30, sehr anstrengend, weil extrem selbstmitleidig, und schwere Alkoholikerin. Schon morgens ist sie in der Regel bei ihrem Stammtreff am U-Bahnhof Pankstraße zu finden, wo sie ihre tägliche Bier- und Kornration abarbeitet.
Eines Morgens war Rebecca weg. Drei Tage blieb sie verschwunden, ohne dass jemand wusste, wo sie verblieben war. Man machte sich schon große Sorgen und überlegte, welche Maßnahmen wohl zu ergreifen waren. Bis sie am vierten Tag anrief und ausrichten ließ, sie sei in der Sächsischen Schweiz, ein bisschen ausspannen und auf der Goldenen Hochzeit ihres Schwagers. Sächsische Schweiz? Goldene Hochzeit? Ein Schwager? Man wunderte sich sehr. Bis ein Bewohner schließlich berichtete, er habe Rebecca am Nettelbeckplatz, einem Szenetreffpunkt im Wedding, zusammen mit ihrer Schnapsflasche gesichtet.
Rebecca hat ein wildes Leben: bevor sie zu W.I.L. kam, wohnte sie in Spanien in einer Höhle, in einer Art Hippie-Gemeinschaft. Bei einem Höhlen-Nachbarn hat sie sich mit HIV infiziert und den Virus so lange unbehandelt in sich wüten lassen, bis sie mit einem Krankentransport nach Deutschland geliefert werden musste. Durch die deutschen virushemmenden Medikamente bald wieder aufgepäppelt, suchte sich Rebecca einen alternativen Abenteuerfaktor für ihr Leben, da der Alltag bei W.I.L. bedauerlicherweise so gar nicht ihren Höhlen-Gewohnheiten entsprach. So frönte sie fortan Drogen und Alkohol. Ihr Leben in Spanien vermisse sie sehr, erzählte sie mir, und oft stelle sie sich vor, wieder dort zu sein.
Nun sitzt sie Tag für Tag an ihrem Stammplatz im U-Bahnhof und phantasiert sich in Lebensmodelle hinein, die gegensätzlicher nicht sein können. Mal sieht sie sich im Inbild der Bürgerlichkeit, auf einer Goldenen Hochzeit eines nicht existierenden Schwagers in der Sächsischen Schweiz, mal zurück im Abenteuerland in ihrer spanischen Höhle.
Als Rebecca nach einer Woche wiederkam, fragte ich sie, wie es in der Sächsischen Schweiz gewesen wäre. „Schön“, sagte sie, „zur Hochzeitsfeier haben wir Hackbraten gegessen.“
Der innige Wunsch nach einem geordneten Leben wird auch bei einem anderen Bewohner, Pierre, deutlich. Pierre ist als kleiner Junge von seiner Mutter verkauft worden und hat seine Kindheit auf sämtlichen Babystrichen Deutschlands verbracht. Eigentlich ist es ein Wunder, dass er nicht in einer geschlossenen Anstalt sitzt. Trotzdem hat er offensichtlich Schäden davongetragen. Allem begegnet er extrem verächtlich und herablassend, und mir gegenüber war er lange Zeit völlig unnahbar.
Einmal musste ich ihn zum Jobcenter begleiten. Nachdem wir uns auf dem Weg zur S-Bahn angeschwiegen hatten, fragte er mich plötzlich und unvermittelt, wer bei uns zuhause den Weihnachtsbaum schmücken würde. Meine Eltern oder die Kinder? Was es Weihnachten zu essen gäbe – Gans? Ente? Würstchen und Kartoffelsalat? Ob wir die Bescherung vor oder nach der Kirche machen? Ich beantwortete Frage für Frage, war aber eigentlich damit beschäftigt, meine Vorstellung zu verdrängen, von welchen eigenen Erfahrungen sein Interesse am harmonischen Weihnachten feiern wohl stammten.
Was mich oft sehr gestört hat, war die Antriebslosigkeit, das Selbstmitleid, das bei den W.I.L.-Bewohnern die Atmosphäre bestimmt. Die Meisten sind mit Methadon substituiert, ein Mittel, das sich stark auf die Stimmung auswirkt, depressiv, phlegmatisch und lethargisch macht. Für diejenigen, die viel Beikonsum (Drogen parallel zu ihrem Substitutionsmittel) haben, ist allein die Drogenbeschaffung Motivation, um morgens aus dem Bett zu kommen. Viele macht das Methadon so müde, dass sie ohne eine morgendliche Dosis Kokain gar nicht aufstehen können.
Andere, die es geschafft haben, durch das Methadon ihren Konsum zu reduzieren, fehlt dieser tägliche Antrieb. Von W.I.L. wird viel Beschäftigungsprogramm angeboten, aber obwohl man sich oft über Langeweile beschwert, ist der Andrang bei solchen Ausflügen minimal. Teil 3 in 24 Stunden