No Mercy  und russisches Roulett in Berlin.

Drei Monate lang habe ich Praktikum in der Berliner Wohneinrichtung „W.I.L.“ * für HIV- und Hepatitis C-Infizierte Drogenabhängige gemacht.
Ich kam dorthin, ohne eine genaue Vorstellung zu haben, was ich tun würde.  Am  ersten Tag war ich mit Starren beschäftigt. Nachdem ich eine Führung durch das Haus und die Wohngemeinschaften bekommen hatte, saß ich im Bewohnercafé und glotzte. Bei den Meisten der knapp zehn Bewohner, die sich dort gerade aufhielten, hätte ich die Straßenseite gewechselt, wenn ich ihnen im Dunkeln begegnet wäre. Menschen, denen ich bisher nur mit genug Sicherheitsabstand auf Bahnhöfen begegnet war.
Eine von ihnen kam zu mir und sprach mich an. Die Frau, Vera, fragte mich aus, machte Komplimente, umgarnte mich, dass es mir schon fast unangenehm wurde. Dann ging sie kurz hinaus, um sich Kaffee zu holen, kam wieder, und brüllte. Sie hasse uns! Wir können sie alle mal!
Was hatte ich falsch gemacht? Die Tür knallte, und Vera verschwand. Ob sie eine schlechte Nacht auf dem Strich gehabt hätte, schrie ihr ein Mann mit Lederweste und Vokuhila hinterher. „Das meint sie nicht so, die war nur breit“, sagte einer der Sozialarbeiter zu mir. Ach  so. Die erste halbe Stunde meiner drei Monate war um.
Ich sollte erst noch lernen, dass viele der Bewohner unter dem  Borderline – Syndrom leiden, das ihre Stimmung innerhalb kürzester Zeit kippen lässt und sie besonders launisch macht, wenn sie grade gekokst oder Alkohol getrunken haben. Heroin hingegen ist für die Betreuer sehr viel erträglicher, es macht eher friedlich und stellt ruhig.

W.I.L.  steht für „Wohnen im Leben“. Knapp 30 Bewohner sind dort in betreuten Wohngemeinschaften untergebracht.

Bei dieser Doppelbelastung durch Krankheit und Sucht steht die Drogenabhängigkeit in der Regel im Vordergrund der Betreuungsarbeit. Die Sucht ist in den meisten Fällen Ursache für die HIV- oder HCV – Infektion.
Die Arbeit der Wohneinrichtung ist nicht darauf ausgerichtet, den Bewohnern die Drogen zu verbieten, sondern ihnen in ihrem Zustand der Abhängigkeit einen möglichst geregelten Alltag zu organisieren. Dabei werden sie nicht bevormundet. Wenn für einen Bewohner in seinen Alltag Prostitution gehört, wird das akzeptiert. Wenn jemand sich das Geld für den Drogenkonsum auf kriminellem Weg beschafft, wird auch das hingenommen.
Ein Praktikum in dieser Einrichtung lockte mich, weil ich nach meinen Erlebnissen mit Aids in Namibia und Südafrika etwas über den praktischen Umgang mit der Pandemie in Deutschland erfahren wollte.

Das Problem ist hier verglichen mit Namibia ein völlig anderes. Zwar breitet sich HIV auch bei uns immer weiter aus, aber anders als in Namibia sterben die Menschen nicht reihenweise daran, und vor allem gibt es keine ausgeprägte Stigmatisierung. Weil man in Deutschland inzwischen mit dem Virus ein normales Leben führen kann, hat es seinen Schrecken verloren, wird verharmlost und verkörpert sogar in manchen Berliner Schwulenszenen etwas Reizvolles. „Barebacker“ nennen sich diese militanten Kondomverweigerer. So finden auf Parties, durch Barebacker-Chatrooms vermittelte Zusammenkünfte und in Dark Rooms ungeschützte Orgien statt, bei denen der Kick für bisher Nicht-Infizierte die Ungewissheit ist, hinterher dem HIV-Club anzugehören oder davongekommen zu sein- wie russisches Roulett.

Das Spiel mit der Gefahr der HIV-Infektion wird in dieser Szene als Befreiung gefeiert, Kondome gelten als Mittel zur Diskriminierung HIV-positiver Menschen.
Die Menschen bei ZIK haben sich ihre Infektion nur in Ausnahmefällen in dieser Szene zugezogen, sondern meist durch benutzte Spritzen, oder, in den häufigsten Fällen, durch Prostitution. Mit Hepatitis C oder HIV infiziert zu sein, ist für sie zweitrangiges Thema: Ihr Alltag dreht sich um Drogen, um Drogenbeschaffung, Entgiftungen, Entzüge, die Versuche, aufzuhören, den Suchtdruck und wieder um Drogenbeschaffung.
Etwa 100 Euro kostet einen Durchschnittsjunkie der Drogenkonsum täglich. Das Geld wird oft auf zweifelhafte Wege beschafft, die in der Sozialarbeitersprache unter „Beschaffungskriminalität“ fallen.
Etwa 90 Prozent der Bewohner hat Knasterfahrung. Inzwischen bin ich bestens im Bilde über alle Vor- und Nachteile jeglicher Berliner Männer – und Frauengefängnisse. Das Essen in Tegel ist am  besten, die Behandlung in Moabit am schlechtesten ,  und die großzügigste Ausstattung gibt es in Plötzensee. Marc, der die Hälfte seiner Haftjahre in Kiel abgesessen hat, nennt die Anstalt dort ein Paradies, verglichen mit den Berliner Gefängnissen.
Während meiner Monate bei ZIK wurden drei der Bewohner „eingeknastet“, wie es dort genannt wird. Die Festnahmen verliefen sehr viel undramatischer, als ich es mir in meiner „Prison Break” und „Hinter Gittern-Frauenknast“ geprägten Gefängnis-Phantasie vorgestellt hatte. Nur in einem Fall gab es Verwirrung und Panik. Eines Morgens tauchten zwei eifrige junge Polizisten bei W.I.L. auf und wollten Frau Carola Meiners festnehmen. Bewaffneter Raub, Betäubungsmittelgesetzverstoß und 53 Schwarzfahrten wurden ihr angelastet. Eigentlich unter den Bewohnern keine nennenswerten Delikte, nur ist Carola Meiners keine Bewohnerin, sondern eine der Sozialarbeiterinnen. Carola, bewaffneter Raub? Die Polizisten hielten uns ein schwarz-weiß-Foto hin. Das sei nicht Carola Meiners, hieß es einstimmig im Team. Aber die diensteifrigen Polizisten wollten darauf nicht hören. „Wir kennen das, Sie wollen Ihre Bewohner immer schützen“, sagten sie. Endlich wurde Jens, der Projektleiter,  gerufen, der sich den Haftbefehl zeigen ließ. Dabei stellte sich heraus, dass sich die Wachtmeister leider verlesen hatten, da sie in der Zeile verrutscht waren und so die registrierte Betreuerin für die tatsächlich Angeklagte gehalten hatten.

Zur Entschuldigung der Polizisten muss ich allerdings sagen, dass auch ich einen der Sozialarbeiter die ersten drei Tage für einen Bewohner gehalten habe und die Aufklärung dieses Missverständnisses nicht zu den angenehmsten Momenten meines Praktikums zählte.

Auch mit den Namen hatte ich Schwierigkeiten, weil beinahe jeder der Bewohner einen Spitznamen trägt. Sie haben in den seltensten Fällen etwas mit den wirklichen Namen zu tun. Mit Spitznamen schafft  man sich in dieser Szene den Zugang zu seiner Parallelwelt, um so der oftmals trostlosen Wirklichkeit zu entfliehen.
Beispielhaft hierfür war Ritchie, wahlweise auch Ritchie Rich, der eigentlich Karl-Heinz Käßler heißt. Für jeden, der ihn nach der Herkunft seines Wahlnamens fragt, erfindet Ritchie eine andere Geschichte. Mir wurde ein langer wirrer Vortrag über die Filmfigur Richie Rich gehalten, dem er so ähnlich sei, und früher habe er die gleiche Achterbahn wie er in seinem Garten gehabt.
Eines Tages beschloss Ritchie, nicht mehr Ritchie zu sein. Er kam runtergehumpelt in das Bewohnercafé und verkündete in offiziellem Ton, er sei fortan Mr. No-Mercy. Einen ganzen Tag lang hörte er auf keinen anderen Namen mehr. Doch am nächsten Morgen, als man sich gerade an Mr. No-Mercy gewöhnt hatte, schien er über den Rausch seiner nächtlichen Drogendosis seine neue Identität vergessen zu haben. Auf mein Fragen hin konnte mir Ritchie bei bestem Willen nicht sagen, wer dieser Mr. No-Mercy sei.

Zwischen Phantasie und ….. TEIL 2 in 24 Stunden